In den Niederlanden beginnt die Schulpflicht im Alter
von fünf Jahren und endet nach 12 Jahren Vollzeitschulpflicht (8 Jahre
Primarschule - basisonderwijs - und 4 Jahre Sekundarschule) oder zum Ende
des Schuljahres, in dem der Schüler sein 16. Lebensjahr erreicht. Nach
Absolvieren der Vollzeitschulpflicht unterliegt der Schüler, der keine
weiterführende Schule besucht und keine Berufsausbildung im dualen System
durchläuft (Lehrlingsausbildung), einer einjährigen
Teilzeitschulpflicht, d.h. er besucht zwei Tage in der Woche eine
Einrichtung für teilzeitlichen Tagesunterricht.
Das holländische Bildungssystem umfasst
1. die Grundschule für Kinder von 4 bis 12 Jahren,
2. spezialisierte Sonderschulen für Kinder und
Jugendliche mit besonderem Förderbedarf der Altersgruppen von 3 bis 20
Jahren,
3. die Sekundarschulen im Anschluss an die Grundschule
für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren, und zwar
allgemeinbildende Sekundarschulen der Unterstufe (MAVO),
allgemeinbildende Sekundarschulen der Oberstufe (HAVO),
vorwissenschaftliche Sekundarschulen (VWO),
berufsorientierende Sekundarschulen der Unterstufe (VBO),
Berufsschulen (MBO) und
Berufsbildende Kurzbildungsgänge (KMBO).
Die Primarschule
Seit dem 1.8.85 gibt es in den Niederlanden wegen der
Vorverlegung der Schulpflicht auf das 5. Lebensjahr formal keine
vorschulische Erziehung mehr. Die meisten Kinder werden bereits im Alter
von vier Jahren an einer Grundschule angemeldet, in der in den ersten
beiden Jahren natürlich Spiel und Betreuung gegenüber dem Unterricht
weit überwiegen, mithin vorschulische Aktivitäten stattfinden. Von ihrem
Anspruch her allerdings besteht die Grundschule seit 1985 aus einem
durchgängigen achtjährigen Bildungsgang.
Ziel der pädagogischen Arbeit der Grundschule ist die
Förderung der affektiven und kognitiven Entwicklung des Kindes, die
Entwicklung seiner Kreativität, die Aneignung eines Grundwissens sowie
der Erwerb sozialer, kultureller und körperlicher Fähigkeiten und
Fertigkeiten. Die Erziehung soll die besondere multikulturelle Situation
berücksichtigen, in der die Kinder aufwachsen. Zum verbindlichen
Fächerkanon gehören Niederländisch, Arithmetik und Mathematik, sog.
ausdrucksfördernde Aktivitäten, wie Musik, Zeichnen, Werken, Spiel und
Bewegung und seit 1986 Englisch. Die Stundentafel der vier unteren
Primarklassen beträgt 22 Unterrichtsstunden; in den folgenden Jahren
mindestens 25. Nach dem Grundschulgesetz ist der Schulträger verpflichtet
sicherzustellen, daß die Kinder während der Mittagspause in der Schule
bleiben können und dort betreut werden, wenn die Eltern dies wünschen.
Schlüsselinstrument der Planung des Unterrichts ist
der Arbeitsplan der Schule. Er gewährleistet einen allgemeinen Überblick
über die Organisation und die Inhalte des Unterrichts und wird mindestens
alle zwei Jahre vom Schulträger aufgestellt. Im Rahmen der ministeriellen
Vorgaben legt er die Unterrichts- und Entwicklungsziele der Schule fest.
Vielfalt der Sekundarschulen
Die Sekundarbildung kann in folgenden Einrichtungen
absolviert werden:
Einrichtungen der "vor-universitären Bildung" (VWO),
Einrichtungen der allgemeinen Sekundarbildung (HAVO, MAVO)
und
Einrichtungen der berufsbildenden Sekundarerziehung (B0).
Das erste Jahr der Sekundarschulen aller drei Formen ist die sog.
Übergangsklasse. Sie dient vor allem der Orientierung des Schülers auf
seine zukünftige Schullaufbahn.
VWO, HAVO, MAVO
a) Der "vorwissenschaftliche" oder "vor-universitäre
Bildungsgang" (VWO) dauert sechs Jahre und zielt auf die Vorbereitung
der Schüler auf den Eintritt in die Universität. Die Erteilung des
vor-universitären Unterrichts findet in drei Arten von Schulen statt: dem
Gymnasium, dem Atheneum oder dem Lyzeum. Der Unterschied zwischen
Gymnasium und Atheneum besteht in der Sprachenfolge: im Gymnasium gehören
Latein- und Griechischunterricht zu den Pflichtfächern; bei einem Lyzeum
handelt es sich um eine Kombination zwischen einem Gymnasium und einem
Atheneum mit einem gemeinsamen Anfangsjahr.
Im vierten bzw. fünften Schuljahr gliedern sich die Gymnasien und
Atheneen in je einen A- und einen 13-Teil. Im B-Teil beider Schulformen
bilden Mathematik und Naturwissenschaften die Hauptfächer. Im A-Teil
eines Gymnasiums sind klassische Sprachen und im A-Teil eines Atheneums
Wirtschaftswissenschaften und neuere Sprachen die Hauptfächer. Jeder
Ausbildungsgang endet mit einer Abschlussprüfung.
b) Der 5-jährige allgemeinbildende Ausbildungsgang (HAVO)
ist hauptsächlich darauf angelegt, die Schüler auf eine
"höhere" Berufsausbildung vorzubereiten. Tatsächlich setzen
jedoch häufig Schüler, die den HAVO-Abschluss erreicht haben, ihre
schulische Laufbahn fort, um den VWO-Abschluss zu erreichen; andere
besuchen eine Berufsschule (MBO), anstatt in einen "höheren"
Berufsbildungsgang einzutreten.
c) Der vierjährige allgemeinbildende Bildungsgang (MAVO)
bereitet die Schüler hauptsächlich auf den späteren Besuch der
Berufsschule (MBO) vor. Viele Schüler mit dem MAVO-Abschluss streben
danach den HAVO-Abschluss an, während andere lediglich einen
berufsorientierenden Kurzbildungsgang (KMBO) durchlaufen oder eine Lehre
im dualen System aufnehmen.
Alle Schulen schließen mit einem Examen ab. Dieses
besteht aus einem schulinternen Teil und der zentralen Abschlussprüfung,
die für alle Schüler der jeweiligen Schulart in Holland gleich ist.
LBO, MBO und KMBO
Die berufsbildende Sekundarbildung (BO) wird auf einer
unteren, einer mittleren und einer oberen Stufe erteilt. Berufsausbildende
Sekundarschulen der unteren Stufe nehmen rund 30 Prozent der Kinder der
Primarschule auf.
a) Der vierjährige Bildungsgang (LBO) hat
berufsorientierenden Charakter. Schüler können hier zwischen technischen
Kursen, Kursen in Hauswirtschaft, Einzelhandel oder Landwirtschaft
wählen. In den ersten zwei Jahren werden im wesentlichen
allgemeinbildende Fächer angeboten, einschließlich Holländisch,
Mathematik, eine Fremdsprache und allgemeine Techniken. Das dritte und
vierte Jahr sind stärker berufsorientiert, allerdings sind
allgemeinbildende Fächer nach wie vor stark in der Stundentafel
vertreten.
b) Die Berufsbildungsgänge (MBO) bereiten die Schüler
auf mittlere Positionen in Verwaltung, Industrie und im
Dienstleistungssektor vor. Sie folgen unmittelbar auf einen
berufsorientierenden Bildungsgang oder auf einen allgemeinbildenden
Bildungsgang. Sie dauern höchstens 4 Jahre. Schüler können zwischen
technischen Kursen, Kursen aus den Bereichen Dienstleistungen, Gesundheit,
Hauswirtschaft, Groß- und Einzelhandel und Landwirtschaft auswählen. Die
verpflichtende Arbeitserfahrung am Arbeitsplatz prägt diesen
Ausbildungsgang.
c) Berufliche Kurzausbildungsgänge
(KMBO) wurden 1979 in Folge der
damals neuen Weiterbildungsverfügung eingerichtet. KMBO Kurse bereiten
Schüler auf die Berufstätigkeit in einfachen Tätigkeitsfeldern vor. Sie
werden Jugendlichen von 16 Jahren ab angeboten. Um zugelassen zu werden,
müssen die Schüler entweder ein LBO- oder ein MAVO-Abschlusszeugnis
vorlegen, oder sie müssen eine 10-jährige Vollzeitschulbildung
nachweisen. Die Kurse sind Vollzeitkurse und dauern zwei bis drei Jahre.
Praktische Arbeit