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Portugal
Neun Jahre Ensino básico in der Gesamtschule

Wahrscheinlich gibt es in Europa den größten Nachholbedarf an Bildung in Portugal. Seit der Revolution 1974 und der Verabschiedung eines neuen Bildungsgesetzes 1986 hat Portugal jedoch kontinuierlich aufgeholt. Die neunjährige Schulpflicht wird in einer Gesamtschule abgeleistet.

Das Bildungswesen in Portugal

Ein kurzer Rückblick

Ein Rückblick, sagt unsere Freundin Anna Maria Bettencourt aus Lissabon, ist zum Verständnis der Situation nicht nur im Bildungsbereich in Portugal unvermeidlich. Portugal lebte immerhin fast fünfzig Jahre unter einer Diktatur, die erst am 25. April 1974 ihr Ende fand. Der April 1974 ist für alle Portugiesen der entscheidende Wendepunkt in der jüngeren Geschichte des Landes, und selbst in sehr beiläufigen Unterhaltungen nimmt man gern auf den 25. April als den Beginn einer neuen Zeitrechnung Bezug.

Die Revolution von 1974 brachte einschneidende Veränderungen in allen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bereichen, d.h. natürlich auch im Bildungsbereich. Vor der Revolution umfasste die Schulpflicht vier Jahre, nur wenige Schüler konnten nach der vierjährigen Grundschule eine weiterführende Schule besuchen, und der Anteil der Analphabeten betrug noch 1970 über 30 %.

Entsprechend der Gesellschaftsordnung waren die weiterführenden Schulen bis zur Revolution streng vertikal gegliedert. Begüterte Bürgerkinder besuchten nach bestandener Aufnahmeprüfung das Gymnasium, weniger privilegierte Kinder gingen auf eine technische oder berufsorientierende Schule über. Das Gymnasium umfasste 7 Jahrgangsstufen und war in drei Abschnitte gegliedert. Am Ende jedes Abschnitts stand eine Zwischenprüfung bzw. Abschlussprüfung. Auch die technischen und berufsorientierenden Schulen regulierten die Schülerzahlen über Aufnahme- und Zwischenprüfungen.

Der Hochschulzugang war nur über das Gymnasium möglich. Die größte Sorge des Regimes in diesem selektiven Schulwesen waren allerdings weniger Fragen der Leistung als der moralischen und ideologischen Kontrolle der Jugend. Um diese Kontrolle möglich', lückenlos zu organisieren, wurden Jugendeinrichtungen "ähnlich de Hitlerjugend" geschaffen, an deren Aktivitäten die Jugendlichen nach der Schule teilnehmen mussten.

Nach der Revolution veränderte sich der Schulalltag radikal. Die junge Generation erlebte die Werte der Demokratie, der Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit und forderte auch in der Schule Chancengleichheit. Eltern, die selbst nie eine Schule besucht hatten, machten nun Bildungsansprüche für ihre Kinder geltend. Das führte schnell zu einer Bildungsexpansion und zu einem deutlichen Bildungsgefälle zwischen den Generationen. Insgesamt jedoch ist der durch die Jahrzehnte der Diktatur entstandene Bildungsrückstand der Portugiesen gegenüber den Bürgern anderer Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft immer noch offenkundig.

Dezentralisierung und Demokratisierung

Das portugiesische Bildungswesen untersteht einer zentralen Verwaltungsbehörde, die für die Planung, Gestaltung und Aufsicht verantwortlich ist. Seit 1986 werden im Zuge einer allgemeinen Dezentralisierung allerdings zunehmend mehr Entscheidungsbefugnisse dieser Behörde auf lokale und regionale Instanzen und Einrichtungen delegiert.

Die allgemeine Tendenz der Dezentralisierung wird dabei durch die demokratische Verwaltung der Einzelschule begünstigt und befördert: Der Schulleiter wird seit der Revolution nicht mehr von der Behörde ernannt, sondern von den Lehrern der Schule gewählt. Diese "Errungenschaft" ist im Bewusstsein der Pädagogen von großer Bedeutung, so dass einige Versuche der konservativen Regierung, den Spielraum der Schule wieder einzuengen und die Wahl der Schulleiter abzuschaffen, wegen des erbitterten Widerstandes der Kollegien und der Elternschaft scheitern mussten. Die gemachten positiven Erfahrungen mit der weitgehend selbstverwalteten Schule als Ergebnis gesellschaftlicher Demokratisierung hatten Wirkung nicht nur auf der Ebene der Einzelschule, sondern reichten konstruktiv in den politischen Raum hinein, so daß die Demokratisierung der Schule in der Dezentralisierung der Verwaltung gewissermaßen ihre Fortsetzung findet.

Die Struktur des gegenwärtigen Schulsystems in Portugal

Nach dem Besuch einer vorschulischen Einrichtung erhalten die Kinder eine neunjährige Grundbildung, die Ensino básico, die drei Abschnitte umfasst. Der Erste Abschnitt entspricht etwa unserer Grundschule - escolas primarias, der zweite Abschnitt - escolas preparatórias ließe sich mit unserer Orientierungsstufe vergleichen, obwohl im Anschluss daran keine Auswahlentscheidung für unterschiedliche Schulformen steht, sondern die Kinder gehen dann - nach erfolgreichem Abschluss des zweiten Abschnitts - in den dritten Abschnitt über, der sowohl einer Grundschule angegliedert sein kann oder auch als selbständige Sekundarstufe geführt wird.