Das Bildungswesen in Portugal
Ein kurzer Rückblick
Ein Rückblick, sagt unsere Freundin Anna Maria
Bettencourt aus Lissabon, ist zum Verständnis der Situation nicht nur im
Bildungsbereich in Portugal unvermeidlich. Portugal lebte immerhin fast
fünfzig Jahre unter einer Diktatur, die erst am 25. April 1974 ihr Ende
fand. Der April 1974 ist für alle Portugiesen der entscheidende
Wendepunkt in der jüngeren Geschichte des Landes, und selbst in sehr
beiläufigen Unterhaltungen nimmt man gern auf den 25. April als den
Beginn einer neuen Zeitrechnung Bezug.
Die Revolution von 1974 brachte einschneidende
Veränderungen in allen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und
politischen Bereichen, d.h. natürlich auch im Bildungsbereich. Vor der
Revolution umfasste die Schulpflicht vier Jahre, nur wenige Schüler
konnten nach der vierjährigen Grundschule eine weiterführende Schule
besuchen, und der Anteil der Analphabeten betrug noch 1970 über 30 %.
Entsprechend der Gesellschaftsordnung waren die
weiterführenden Schulen bis zur Revolution streng vertikal gegliedert.
Begüterte Bürgerkinder besuchten nach bestandener Aufnahmeprüfung das
Gymnasium, weniger privilegierte Kinder gingen auf eine technische oder
berufsorientierende Schule über. Das Gymnasium umfasste 7 Jahrgangsstufen
und war in drei Abschnitte gegliedert. Am Ende jedes Abschnitts stand eine
Zwischenprüfung bzw. Abschlussprüfung. Auch die technischen und
berufsorientierenden Schulen regulierten die Schülerzahlen über
Aufnahme- und Zwischenprüfungen.
Der Hochschulzugang war nur über das Gymnasium
möglich. Die größte Sorge des Regimes in diesem selektiven Schulwesen
waren allerdings weniger Fragen der Leistung als der moralischen und
ideologischen Kontrolle der Jugend. Um diese Kontrolle möglich',
lückenlos zu organisieren, wurden Jugendeinrichtungen "ähnlich de
Hitlerjugend" geschaffen, an deren Aktivitäten die Jugendlichen nach
der Schule teilnehmen mussten.
Nach der Revolution veränderte sich der Schulalltag
radikal. Die junge Generation erlebte die Werte der Demokratie, der
Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit und forderte auch in der Schule
Chancengleichheit. Eltern, die selbst nie eine Schule besucht hatten,
machten nun Bildungsansprüche für ihre Kinder geltend. Das führte
schnell zu einer Bildungsexpansion und zu einem deutlichen
Bildungsgefälle zwischen den Generationen. Insgesamt jedoch ist der durch
die Jahrzehnte der Diktatur entstandene Bildungsrückstand der Portugiesen
gegenüber den Bürgern anderer Mitgliedstaaten der Europäischen
Gemeinschaft immer noch offenkundig.
Dezentralisierung und Demokratisierung
Das portugiesische Bildungswesen untersteht einer
zentralen Verwaltungsbehörde, die für die Planung, Gestaltung und
Aufsicht verantwortlich ist. Seit 1986 werden im Zuge einer allgemeinen
Dezentralisierung allerdings zunehmend mehr Entscheidungsbefugnisse dieser
Behörde auf lokale und regionale Instanzen und Einrichtungen delegiert.
Die allgemeine Tendenz der Dezentralisierung wird dabei
durch die demokratische Verwaltung der Einzelschule begünstigt und
befördert: Der Schulleiter wird seit der Revolution nicht mehr von der
Behörde ernannt, sondern von den Lehrern der Schule gewählt. Diese
"Errungenschaft" ist im Bewusstsein der Pädagogen von großer
Bedeutung, so dass einige Versuche der konservativen Regierung, den
Spielraum der Schule wieder einzuengen und die Wahl der Schulleiter
abzuschaffen, wegen des erbitterten Widerstandes der Kollegien und der
Elternschaft scheitern mussten. Die gemachten positiven Erfahrungen mit
der weitgehend selbstverwalteten Schule als Ergebnis gesellschaftlicher
Demokratisierung hatten Wirkung nicht nur auf der Ebene der Einzelschule,
sondern reichten konstruktiv in den politischen Raum hinein, so daß die
Demokratisierung der Schule in der Dezentralisierung der Verwaltung
gewissermaßen ihre Fortsetzung findet.
Die Struktur des gegenwärtigen Schulsystems in
Portugal
Nach dem Besuch einer vorschulischen Einrichtung erhalten die Kinder
eine neunjährige Grundbildung, die Ensino básico, die drei Abschnitte
umfasst. Der Erste Abschnitt entspricht etwa unserer Grundschule - escolas
primarias, der zweite Abschnitt - escolas preparatórias ließe sich mit
unserer Orientierungsstufe vergleichen, obwohl im Anschluss daran keine
Auswahlentscheidung für unterschiedliche Schulformen steht, sondern die
Kinder gehen dann - nach erfolgreichem Abschluss des zweiten Abschnitts -
in den dritten Abschnitt über, der sowohl einer Grundschule angegliedert
sein kann oder auch als selbständige Sekundarstufe geführt wird.