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Schweden

Das schwedische Schulwesen wurde in der Nachkriegszeit umfassend reformiert. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür waren die Steigerung des Lebensstandards im Zuge eines kontinuierlichen wirtschaftlichen Aufschwungs, der konsequente Ausbau eines Wohlfahrtstaates und die enge Koppelung von Bildungs- und Berufsbildungssystem. Seitdem gilt das schwedische Schulwesen auch heute noch ohne Abstriche in Europa als vorbildlich.

Lesen Sie auch den Artikel von Anne Ratzki: Schweden: Blick über den Zaun

Die Struktur des schwedischen Bildungswesens

Grundlage der Struktur des schwedischen Bildungswesens ist auch heute noch das inzwischen mehrfach geänderte Bildungsgesetz von 1962. Es legt den Beginn der Schulpflicht auf das 7. Lebensjahr fest; die Schulpflicht endet, wenn der Jugendliche die neunjährige Grundschule (Gesamtschule) absolviert oder das Alter von 16 Jahren erreicht hat. Jugendliche, die das 16. Lebensjahr vollendet haben, nicht in die Gymnasialschule übergehen und keinen Arbeitsplatz gefunden haben, durchlaufen eine Bildungsmaßnahme zur "Berufsorientierung".

Die großen Abschnitte der Bildungsstruktur sind die Vorschulerziehung, die neunjährige Gesamtschule, die Gymnasialschule und die Einrichtungen der Erwachsenenbildung.

Die Grundschule (Gesamtschule)

Die neunjährige "Grundschule" entspricht weitgehend der Gesamtschule in Deutschland und stellt die entscheidende Errungenschaft der schwedischen Schulreform dar. Der Unterschied zur Gesamtschule in Deutschland allerdings besteht darin, dass sie von nahezu allen Schülerinnen und Schülern besucht wird und es kein alternatives Schulformangebot gibt, aus dem die Eltern eines wählen könnten. Nur etwa 1 Prozent der Kinder besuchen Privatschulen (z.B. Montessori- oder Waldorfschulen); schwer sinnes- oder geistigbehinderte Kinder werden in Speziellen Sonderschulen unterrichtet. Auf die Grundschule baut die differenzierte Gymnasialschule mit einem breiten Spektrum weiterführender Bildungsgänge auf. Grundschule und die darauf aufbauende Gymnasialschule in Schweden bilden zusammen um ein umfassendes integriertes Gesamtschulsystem.

Die meisten Grundschulen sind heute kommunale Einrichtungen. Der Schulbesuch ist kostenlos, und es besteht Lehrmittelfreiheit.

Die "Grundschule" ist in eine jeweils dreijährige Unterstufe, Mittelstufe und Oberstufe gegliedert; der Übergang von einer Stufe zur anderen erfolgt ohne Zwischenprüfung.

Gegenüber der Unter- und Mittelstufe mit ihren einheitlichen Curricula ist die Oberstufe der "Grundschule" durch eine zunehmende Differenzierung gekennzeichnet. Hier eröffnen sich den Schülern die ersten Wahlmöglichkeiten. Sie können Wahlpflichtfächer mit drei bis vier Wochenstunden pro Schuljahr wählen und darüber hinaus alternativ Leistungskurse in den Fächern Englisch und Mathematik belegen.

In Schwedens Schulen gibt es ein Zeugnissystem mit drei Skalen: G (godkänd), VG (väl godkänd), MVG (mycke väl godkänd): "anerkannt", anerkannt mit gut", anerkannt mit sehr gut". Wird das Ziel nicht erreicht, wird statt einer Note eine schriftliche Beurteilung abgegeben. Zensuren dürfen erst ab dem 8. Schuljahr erteilt werden. Bis zum 7. Schuljahr werden mündliche Informationen erteilt, ab dem 5. auch schriftliche.

 

18

 

    G y m n a s i u m        
17
16
15      Oberstufe

der Grundschule

14
13
12      Mittelstufe

der Grundschule

11
10
9      Unterstufe

der Grundschule

8
7
6

Vorschule

5

 

Das Abschlusszeugnis der Grundschule berechtigt zum Übergang auf die Gymnasialschule ohne Rücksicht darauf, welche Wahlpflichtfächer der Schüler in der Oberstufe hinzugewählt hat. Die Wahl der Wahlpflichtfächer in der Grundschule engt jedoch den Spielraum bezüglich der verschiedenen Optionen in der Gymnasialschule ein. Die Kinder besuchen grundsätzlich die Schule in ihrem Wohnbezirk. Unter- und Mittelstufenschulen gibt es in jedem Wohnviertel. Sie haben meistens ein oder zwei Klassen pro Jahrgang, d.h. etwa 150 bis 300 Schüler. In ländlichen Gebieten können Schüler aus zwei oder drei Jahrgängen in die gleiche Klasse gehen. Die Oberstufe ist in größeren Mittelpunktschulen zusammengefsst, die etwa 150 bis 600 Schüler in zwei, drei oder mehr Parallelklassen haben. In dünn besiedelten Gebieten mit weiten Schulwegen organisiert die Gemeinde Schülertransporte oder unterstützt die Familien durch Schülerkarten für den öffentlichen Bus- oder Bahnverkehr.

Nach einem Beschluss des Riksdags von 1978 wurde in vielen Gemeinden der sog. "integrierte Schultag" eingeführt, d.h. die Stundenpläne werden auf den Nachmittag ausgedehnt. Dadurch wird ein Wechsel von Unterrichtsarbeit und Freizeitaktivität möglich, wodurch eine bessere den individuellen Möglichkeiten des Kindes entsprechende Organisation des Tages, eine erhöhte Motivation des Kindes und eine bessere Lernatmosphäre in der Schule geschaffen werden.

Zur Integration behinderter Kinder

Die auf Integration angelegte Grundkonzeption des schwedischen Schulsystems verlangt implizit natürlich auch Maßnahmen der integrativen Beschulung behinderter Kinder. Zu diesem Zweck stellen Staat und Kommunen erhebliche Mittel zur Verfügung.

Schüler mit Lernschwierigkeiten werden in der Regel in mehreren Stunden täglich von einem Lehrer mit der entsprechenden Qualifikation unterrichtet. Dies geschieht generell im Klassenraum, stundenweise jedoch auch in einem besonders ausgestatteten Nebenraum. Nur im Ausnahmefall werden Kinder, bei denen dieser "koordinierte Sonderunterricht" keine ausreichende Hilfe gewährleistet, für kürzere Zeitabschnitte - selten jedoch für ein volles Schulhalbjahr - in besonderen Kleingruppen unterrichtet. Nur in besonders schwierigen Fällen gibt es eine Form der Intensivhilfe außerhalb der Regelklassen in einem Schultagesheim. Dort werden vorübergehend Kinder mit vor allem sozial bedingten Lern- und Verhaltensschwierigkeiten aufgenommen.

Blinde, gehörlose, körperbehinderte und geistigbehinderte Kinder werden sowohl integriert als auch in Sonderschulen unterrichtet. Dort wo sinnesgeschädigte Kinder integrativ unterrichtet werden, wird die Klassenfrequenz gesenkt, und der Klasse werden zusätzliche Pädagogenstunden zugewiesen. Geistigbehinderte Kinder werden in Sonderschulen und in Sonderklassen an allgemeinen Regelschulen unterrichtet. Hier wird stärker von einer sozialen Integration gesprochen.

Die Gymnasialschule

Nach Abschluss der Grundschule gehen gut 90 % aller Schüler in die differenzierte Gymnasialschule über. Die Gymnasialschule wurde 1993 auf drei Jahre verkürzt, für die acht Kernfächer Schwedisch/Englisch, Gesellschaftswissenschaften, Religionswissenschaft, Mathematik, Naturwissenschaft, Sport und Gesundheit wurde die Stundenanzahl erhöht, und die Anzahl der berufsvorbereitenden Züge wurde auf 16 nationale Programme reduziert, wovon zwei studienvorbereitend sind. Sämtliche Programme liefern eine breite Grundausbildung und vermitteln allen AbgängerInnen eine Studienberechtigung, die jeweils für bestimmte Studienrichtungen gelten, aber weiterentwickelt und ausgebaut werden können.' Der freiwillige Besuch der Gymnasialschule nach dem gemeinsamen zehnten Schuljahr wird von ca. 90 % aller Schülerlnnen wahrgenommen (CEDEFOP 1995, Skolverket 1997). Neben der studien- und berufsorientierten Gymnasialschule gibt es die Lehrlingsausbildung, eine Kombination aus Unterricht in den Kernfächern des Gymnasiums und einer praktischen Berufsausbildung in einem Unternehmen (s. Kreienbaum, Bildungslandschaft Europa).