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90 Prozent der Kinder und Jugendlichen
in England
besuchen eine Gesamtschule

Nach den problematischen Jahren unter Magret Thatcher haben die englischen Schulen immer noch nicht zu einem befriedenden Alltag zurück gefunden. Recht unstrittig ist allerdings das Festhalten an der Comprehensive School, also der Gesamtschule für die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler.

Wer sich durch eine Meldung der Welt, Tony Blair wolle die Gesamtschule abschaffen, irritiert fühlt, kann die offizielle Politik von New Labour durch einen Klick links erkunden und den Bericht von Anne Ratzki zur aktuellen Situation der Comprehensive School  lesen. 

Grundschulen

Die gesetzliche Schulpflicht beginnt in Großbritannien im Alter von 5 Jahren und endet mit 16. Die Kinder werden zunächst in "infant"-Schulen oder in Abteilungen derselben Bezeichnung eingeschult; mit sieben Jahren wechseln sie zu "Junior"-Schulen oder -Abteilungen über.

Die Mehrzahl der Primarschulen wird aus öffentlichen Geldern finanziert und von den örtlichen Erziehungsbehörden verwaltet. Schulgeld ist nicht zu entrichten; Bücher und kleine Lernmittel werden gestellt. Der Besuch privater Institutionen ist schulgeldpflichtig.

Aufgabe der Primarschulen ist es, die allgemeine Entwicklung der Kinder zu fördern. In der Praxis kommt allerdings der Vermittlung der drei "R"s zentrale Bedeutung zu, das ist der Lese, Schreib- und Rechenunterricht.

Gesamtschulen von Klasse 7 bis 11 oder 13

Über 90 Prozent der Sekundarschüler besuchen eine Comprehensive School, also eine Gesamtschule. Die Gesamtschulen umfassen die Jahrgangsstufen 7 bis 11 oder 7 bis 13.

Am Ende der 11. Klasse (also mit 16 Jahren) wird die GCSE-Prüfung (General Certificate of Secondary Education) abgelegt. Danach haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, entweder die Sixth Form an der Gesamtschule zu absolvieren oder ein spezielles Sixth Form College zu besuchen, um nach diesen zwei Schuljahren seine 'A-Levels' zu machen. In dieser zwei Jahre dauernden Oberstufe wählen die meisten Schüler/innen zwei bis drei Fächer, in denen sie Prüfungen, die sogenannten 'A-Levels' ablegen. Je nach Fachwahl, Fächerzahl und Noten der A-Levels ist man zugangsberechtigt zur Universität.

Der Schulalltag

Für alle Schulen gilt, daß der Unterricht ganztags erteilt wird. Verpflegung in Form von Mittagessen und Schulmilch sind in der Schule erhältlich, bedürftige Kinder erhalten sie unentgeltlich. An den öffentlichen Schulen sind die Lehrmittel generell kostenfrei. Außerdem verlangen die meisten englischen Schulen einheitliche Kleidung in den Farben ihrer Schule (eine Schuluniform).

Bevor wir auf die jüngste schulpolitische Debatte in England und dort insbesondere seit 1988 vorgenommene Veränderungen im Schulwesen eingehen, wollen wir einen kurzen Rückblick in die Schulgeschichte Englands vornehmen:

Hundert Jahre Bildungsfortschritt

Während der letzten hundert Jahre wurde das Bildungs- und Erziehungswesen in England kontinuierlich ausgebaut und fortlaufend verbessert. Bis 1880 unterstanden die Bildungseinrichtungen noch privater Kontrolle: Reiche Leute schickten ihre Kinder auf "Public Schools", wie Eton, Harrow und Rugby; die ärmeren, sofern sie es sich leisten konnten, schickten sie entweder auf kirchliche Schulen oder auf "Dame Schools". Dame Schools hießen diese Schulen, weil dort meistens weibliche Lehrkräfte den Unterricht erteilten. Die Kinder brachten jeden Tag einen Penny mit, um ihren Unterricht zu bezahlen. Konnten die Eltern den Penny nicht aufbringen, hatte der Schüler an diesem Tag keinen Unterricht. Aus den eingesammelten Pennies verdiente der Lehrer sein Gehalt.

Der erste Durchbruch zu einer allgemeinen Volksbildung gelang 1870 mit der Verabschiedung des Forster Acts. Ziel dieses Gesetzes war die Errichtung einer ausreichenden Zahl von Primarschulen im ganzen Land, um allen Kindern von 5 bis 13 Jahren eine erste Grundbildung zu vermitteln. Die Schulpflicht wurde gesetzlich verankert, und örtliche Schulausschüsse (Schoolboards) wurden ermächtigt, auf die Einhaltung dieser Schulpflicht zu achten.

Die nächsten großen Sprünge der Bildungsentwicklung erfolgten jeweils nach den Weltkriegen. 1918 wurde mit dem "Fisher Education Act" erstmals ein allgemeines nationales Bildungssystem über den Primarbereich hinaus eingeführt. Dabei wurden die Strukturen im Bildungswesen weiter vereinheitlicht und die örtlichen Schulausschüsse (LEAs) fest etabliert, und zwar in der Regel als ständige Ausschüsse der Gemeinderäte mit einer Reihe eigenständiger Rechte und eigenen Finanzhaushalten.

Die Weichenstellung kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs 1944 zielte im wesentlichen auf die Neuordnung der Sekundarstufe. Von nun an gingen die Schüler bis zum Alter von 11 Jahren in eine gemeinsame Primarschule, wurden dann einer Prüfung unterzogen und nach den Ergebnissen der Prüfung auf drei Schulformen aufgeteilt. Die Kinder mit den besten Leistungen gingen zur Grammer School, die Nächstbesten auf "Technische Oberschulen" (Secondary Technical Schools) und die Schüler am Ende der Leistungsskala besuchten die alten Elementarschulen, die jetzt "Secondary Modern Schools" genannt wurden.

Die Strukturen dieses dreigliedrigen Schulwesens führten zunächst zu einer beachtlichen Verbesserung des Leistungsniveaus, hatten jedoch wegen der damit verbundenen offensichtlichen Selektion auch erhebliche Konflikte zur Folge. Der Ruf nach Chancengleichheit wurde unüberhörbar und veranlaßte die Labour-Regierung 1965, die Voraussetzungen zur Einführung einer integrierten Gesamtschule zu schaffen. Heute sind 90 Prozent aller Sekundarschulen in Großbritannien integrierte Gesamtschulen.

Die Binnenstrukturen der Schulen haben sich im Laufe der Jahre sehr unterschiedlich entwickelt. Die Ursache dafür liegt in der breiten Kompetenzverlagerung von oben nach unten: Das betrifft die Kontrolle über die Bildungsfinanzen, die Festlegung der Inhalte und die Einstellung von Lehrern: Obwohl die Regierung in London seit den 60er Jahren riesige Summen für das Bildungswesen zahlte, hatte sie nur sehr eingeschränkte Kontrollrechte bei der Verwendung der Mittel. Darüber entschieden eigenverantwortlich die örtlich zuständigen Gremien, also die Schulausschüsse der Gemeinderäte. Die Gemeinden finanzierten dabei ihre Bildungshaushalte über einen Pool, in dem die Zuschüsse des Ministeriums und die von ihnen selbst erhobenen Steuern zusammenflossen.

Verantwortlich für das Schulleben und die Lerninhalte war bis zur Verabschiedung des Education Reform Act 1988 der Schulleiter, der sich allein mit dem Vorsitzenden seines Schulvorstandes abzustimmen hatte. Der einzige Punkt des Curriculums, der bis dahin gesetzlich kontrolliert wurde, war die täglich abzuhaltende gemeinsame Andacht. Die Prüfungen wurden von Lehrern und Universitätsdozenten konzipiert, durchgeführt und abgenommen. Dabei haben sich die Prüfungen im Zuge der Entwicklung der Gesamtschulen und der Auflösung der Grammer Schools, der Einführung neuer Fächer, Inhalte und Methoden selbst verändert. So verschwand die alte rigide, auf enges Buchlernen ausgerichtete Matrikulationsprüfung und wurde durch eine Reifeprüfung ersetzt, deren Zeugnis bis vor kurzem unter der Bezeichnung "General Certificate of Secondary Education (GCSE)" firmierte.

Seit dem Regierungswechsel 1979 wurden die Errungenschaften der Bildungsreform nun in Frage gestellt. Die Befugnisse der örtlichen Schulbehörden, das Recht der Schulen auf weitgehende Festlegung von Inhalten, die Finanzierung der Schulen, Grundsätze integrativen Unterrichts und das Gebot der Chancengleichheit kamen erheblich unter Druck. Mit der Verabschiedung des Education Reform Act wurde festgelegt:

  • Die erstmalige Einführung eines nationalen Curriculums;

  • die Einführung von Prüfungen für alle Kinder im Alter von 7, 11, 14 und 16 Jahren;
  • Schulen erhalten die Möglichkeit, sich der Kontrolle der lokalen Behörden zu entziehen und als "Grant-maintained schools" direkt von der Zentralregierung finanziert zu werden (to opt out);

  • Eltern haben die Möglichkeit, ihre Kinder an der Schule ihrer Wahl anzumelden, sofern die Kapazitäten ausreichen, d.h. das Prinzip der Bezirksschule wird aufgehoben;

  • Schulen dürfen für gewisse Angebote Schulgeld erheben;
  • Etliche der Reformen der Thatcher-Regierung wurden nach dem Wahlsieg von Tony Blair sofort wieder zurückgenommen, insbesondere die Möglichkeit des "opting out", andere wurden weiterentwickelt.

OFSTED-Inspektion

Im Zuge der Neuerungen brachte das Bildungsreformgesetz von 1992 neue Festsetzungen für die Inspektion von Schulen durch das Office for Standards in Education, genannt OFSTED. Diese Kontrollinstitution ist ermächtigt, Schulen im Abstand von etwa vier Jahren für eine bis maximal vier Wochen zu besuchen. Eine größere Anzahl von Beamten erkundet dann das Schulgelände, hospitiert im Unterricht und überprüft die Einhaltung der vorgegebenen Erziehungsziele, die Schuldaten (Anzahl der SchülerInnen etc.) und die Finanzierung. Solche Inspektionen haben Folgen: Im äußersten Fall kann die Schließung einer ineffizient arbeitenden Schule erwogen werden.

Key stages Prüfungen

Das National Curriculum besteht aus 10 Unterrichtsfächern, die sich in 3 Kernfächer (Englisch, Mathematik, Naturwissenschaft) und 7 grundlegende Fächer (Geschichte, Geographie, Technologie, Musik, Kunst, Leibeserziehung, ab 11 Jahren moderne Sprachen (üblicherweise Französisch) teilen. Die drei Kernfächer machen den Großteil des Unterrichts in der Primarstufe aus. Seit 1944 ist Religion Basisfach, muß also unabhängig vom National Curriculum in jedem Fall gelehrt werden. Eine zentrale Leistungsmessung innerhalb dieser Unterrichtsfächer findet zu festgelegten Zeiten statt, nämlich jeweils am Ende von den vier Key Stages (Schlüsselstufen) im Alter von 7, 11, 14 und 16 Jahren. Diese Prüfungen sind regional festgelegt. Aus vier verschiedenen Testheften pro Fach wählt die Schule ihren Test aus. Die Anforderungen, die in jedem Fach an die Schüler gestellt werden, sind in sogenannten Attainment Targets (Fertigkeitszielen) formuliert, die wiederum jeweils in zehn Levels (Verwirklichungsstufen) aufgeteilt sind. Diese zehn Levels sind so aufgebaut, dass ein Durchschnittsschüler in jedem Jahr das nächsthöhere Level erreichen kann. So geht man davon aus, dass sich die Schüler z.B. in der Key Stage 1-Prüfung innerhalb der Levels 1 bis 3 bewegen und in der Key Stage 2-Prüfung bis in die Levels 5 und 6 vorgedrungen sind.

Die Key-Stage-Prüfungen in den 3 Kernfächern Englisch, Mathematik und Science (Naturwissenschaft) sind öffentlich vorgeschrieben und bestehen aus standardisierten Testaufgaben. Dieses Verfahren ermöglicht den Vergleich der Ergebnisse der Schüler und der Schulen mit den landesweiten Durchschnittswerten.

Das National Curriculum ist in den Schulen, bei Eltern und Lehrerlnnen sehr umstritten. Die Standards der Anforderungen scheinen zu abstrakt und zu hoch. Tatsächlich wurde das Testniveau nach dem ersten Durchlauf revidiert und reduziert, weil die Ergebnisse zeigten, dass die Anforderungen nicht erreichbar waren (siehe auch Karin Meier, in: Bildungslandschaft Europa).