Die gesetzliche Schulpflicht beginnt in
Großbritannien im Alter von 5 Jahren und endet mit 16. Die Kinder werden
zunächst in "infant"-Schulen oder in Abteilungen derselben
Bezeichnung eingeschult; mit sieben Jahren wechseln sie zu "Junior"-Schulen
oder -Abteilungen über.
Die Mehrzahl der Primarschulen wird aus
öffentlichen Geldern finanziert und von den örtlichen
Erziehungsbehörden verwaltet. Schulgeld ist nicht zu entrichten; Bücher
und kleine Lernmittel werden gestellt. Der Besuch privater Institutionen
ist schulgeldpflichtig.
Aufgabe der Primarschulen ist es, die
allgemeine Entwicklung der Kinder zu fördern. In der Praxis kommt
allerdings der Vermittlung der drei "R"s zentrale Bedeutung zu,
das ist der Lese, Schreib- und Rechenunterricht.
Gesamtschulen von Klasse 7 bis 11 oder
13
Über 90 Prozent der Sekundarschüler
besuchen eine Comprehensive School, also eine Gesamtschule. Die
Gesamtschulen umfassen die Jahrgangsstufen 7 bis 11 oder 7 bis 13.
Am Ende der 11. Klasse (also mit 16
Jahren) wird die GCSE-Prüfung (General Certificate of Secondary Education)
abgelegt. Danach haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit,
entweder die Sixth Form an der Gesamtschule zu absolvieren oder ein
spezielles Sixth Form College zu besuchen, um nach diesen zwei Schuljahren
seine 'A-Levels' zu machen. In dieser zwei Jahre dauernden Oberstufe
wählen die meisten Schüler/innen zwei bis drei Fächer, in denen sie
Prüfungen, die sogenannten 'A-Levels' ablegen. Je nach Fachwahl,
Fächerzahl und Noten der A-Levels ist man zugangsberechtigt zur
Universität.
Der Schulalltag
Für alle Schulen gilt, daß der
Unterricht ganztags erteilt wird. Verpflegung in Form von Mittagessen und
Schulmilch sind in der Schule erhältlich, bedürftige Kinder erhalten sie
unentgeltlich. An den öffentlichen Schulen sind die Lehrmittel generell
kostenfrei. Außerdem verlangen die meisten englischen Schulen
einheitliche Kleidung in den Farben ihrer Schule (eine Schuluniform).
Bevor wir auf die jüngste schulpolitische Debatte in
England und dort insbesondere seit 1988 vorgenommene Veränderungen im
Schulwesen eingehen, wollen wir einen kurzen Rückblick in die
Schulgeschichte Englands vornehmen:
Hundert Jahre Bildungsfortschritt
Während der letzten hundert Jahre wurde
das Bildungs- und Erziehungswesen in England kontinuierlich ausgebaut und
fortlaufend verbessert. Bis 1880 unterstanden die Bildungseinrichtungen
noch privater Kontrolle: Reiche Leute schickten ihre Kinder auf
"Public Schools", wie Eton, Harrow und Rugby; die ärmeren,
sofern sie es sich leisten konnten, schickten sie entweder auf kirchliche
Schulen oder auf "Dame Schools". Dame Schools hießen diese
Schulen, weil dort meistens weibliche Lehrkräfte den Unterricht
erteilten. Die Kinder brachten jeden Tag einen Penny mit, um ihren
Unterricht zu bezahlen. Konnten die Eltern den Penny nicht aufbringen,
hatte der Schüler an diesem Tag keinen Unterricht. Aus den eingesammelten
Pennies verdiente der Lehrer sein Gehalt.
Der erste Durchbruch zu einer
allgemeinen Volksbildung gelang 1870 mit der Verabschiedung des Forster
Acts. Ziel dieses Gesetzes war die Errichtung einer ausreichenden Zahl von
Primarschulen im ganzen Land, um allen Kindern von 5 bis 13 Jahren eine
erste Grundbildung zu vermitteln. Die Schulpflicht wurde gesetzlich
verankert, und örtliche Schulausschüsse (Schoolboards) wurden
ermächtigt, auf die Einhaltung dieser Schulpflicht zu achten.
Die nächsten großen Sprünge der
Bildungsentwicklung erfolgten jeweils nach den Weltkriegen. 1918 wurde mit
dem "Fisher Education Act" erstmals ein allgemeines nationales
Bildungssystem über den Primarbereich hinaus eingeführt. Dabei wurden
die Strukturen im Bildungswesen weiter vereinheitlicht und die örtlichen
Schulausschüsse (LEAs) fest etabliert, und zwar in der Regel als
ständige Ausschüsse der Gemeinderäte mit einer Reihe eigenständiger
Rechte und eigenen Finanzhaushalten.
Die Weichenstellung kurz vor Ende des
zweiten Weltkriegs 1944 zielte im wesentlichen auf die Neuordnung der
Sekundarstufe. Von nun an gingen die Schüler bis zum Alter von 11 Jahren
in eine gemeinsame Primarschule, wurden dann einer Prüfung unterzogen und
nach den Ergebnissen der Prüfung auf drei Schulformen aufgeteilt. Die
Kinder mit den besten Leistungen gingen zur Grammer School, die
Nächstbesten auf "Technische Oberschulen" (Secondary Technical
Schools) und die Schüler am Ende der Leistungsskala besuchten die alten
Elementarschulen, die jetzt "Secondary Modern Schools" genannt
wurden.
Die Strukturen dieses
dreigliedrigen Schulwesens führten zunächst zu einer beachtlichen
Verbesserung des Leistungsniveaus, hatten jedoch wegen der damit
verbundenen offensichtlichen Selektion auch erhebliche Konflikte zur
Folge. Der Ruf nach Chancengleichheit wurde unüberhörbar und veranlaßte
die Labour-Regierung 1965, die Voraussetzungen zur Einführung einer
integrierten Gesamtschule zu schaffen. Heute sind 90 Prozent aller
Sekundarschulen in Großbritannien integrierte Gesamtschulen.
Die Binnenstrukturen der Schulen haben
sich im Laufe der Jahre sehr unterschiedlich entwickelt. Die Ursache
dafür liegt in der breiten Kompetenzverlagerung von oben nach unten: Das
betrifft die Kontrolle über die Bildungsfinanzen, die Festlegung der
Inhalte und die Einstellung von Lehrern: Obwohl die Regierung in London
seit den 60er Jahren riesige Summen für das Bildungswesen zahlte, hatte
sie nur sehr eingeschränkte Kontrollrechte bei der Verwendung der Mittel.
Darüber entschieden eigenverantwortlich die örtlich zuständigen
Gremien, also die Schulausschüsse der Gemeinderäte. Die Gemeinden
finanzierten dabei ihre Bildungshaushalte über einen Pool, in dem die
Zuschüsse des Ministeriums und die von ihnen selbst erhobenen Steuern
zusammenflossen.
Verantwortlich für das Schulleben und
die Lerninhalte war bis zur Verabschiedung des Education Reform Act 1988
der Schulleiter, der sich allein mit dem Vorsitzenden seines
Schulvorstandes abzustimmen hatte. Der einzige Punkt des Curriculums, der
bis dahin gesetzlich kontrolliert wurde, war die täglich abzuhaltende
gemeinsame Andacht. Die Prüfungen wurden von Lehrern und
Universitätsdozenten konzipiert, durchgeführt und abgenommen. Dabei
haben sich die Prüfungen im Zuge der Entwicklung der Gesamtschulen und
der Auflösung der Grammer Schools, der Einführung neuer Fächer, Inhalte
und Methoden selbst verändert. So verschwand die alte rigide, auf enges
Buchlernen ausgerichtete Matrikulationsprüfung und wurde durch eine
Reifeprüfung ersetzt, deren Zeugnis bis vor kurzem unter der Bezeichnung
"General Certificate of Secondary Education (GCSE)" firmierte.
Seit dem Regierungswechsel 1979 wurden
die Errungenschaften der Bildungsreform nun in Frage gestellt. Die
Befugnisse der örtlichen Schulbehörden, das Recht der Schulen auf
weitgehende Festlegung von Inhalten, die Finanzierung der Schulen,
Grundsätze integrativen Unterrichts und das Gebot der Chancengleichheit
kamen erheblich unter Druck. Mit der Verabschiedung des Education Reform
Act wurde festgelegt:
-
Die erstmalige Einführung eines
nationalen Curriculums;
- die Einführung von Prüfungen für alle Kinder im
Alter von 7, 11, 14 und 16 Jahren;
-
Schulen erhalten die Möglichkeit,
sich der Kontrolle der lokalen Behörden zu entziehen und als "Grant-maintained
schools" direkt von der Zentralregierung finanziert zu werden (to
opt out);
-
Eltern haben die Möglichkeit, ihre
Kinder an der Schule ihrer Wahl anzumelden, sofern die Kapazitäten
ausreichen, d.h. das Prinzip der Bezirksschule wird aufgehoben;
- Schulen dürfen für gewisse Angebote Schulgeld
erheben;
- Etliche der Reformen der Thatcher-Regierung wurden
nach dem Wahlsieg von Tony Blair sofort wieder zurückgenommen,
insbesondere die Möglichkeit des "opting out", andere
wurden weiterentwickelt.
OFSTED-Inspektion
Im Zuge der Neuerungen brachte das
Bildungsreformgesetz von 1992 neue Festsetzungen für die Inspektion von
Schulen durch das Office for Standards in Education, genannt OFSTED. Diese
Kontrollinstitution ist ermächtigt, Schulen im Abstand von etwa vier
Jahren für eine bis maximal vier Wochen zu besuchen. Eine größere
Anzahl von Beamten erkundet dann das Schulgelände, hospitiert im
Unterricht und überprüft die Einhaltung der vorgegebenen
Erziehungsziele, die Schuldaten (Anzahl der SchülerInnen etc.) und die
Finanzierung. Solche Inspektionen haben Folgen: Im äußersten Fall kann
die Schließung einer ineffizient arbeitenden Schule erwogen werden.
Key stages Prüfungen
Das National Curriculum besteht aus 10
Unterrichtsfächern, die sich in 3 Kernfächer (Englisch, Mathematik,
Naturwissenschaft) und 7 grundlegende Fächer (Geschichte, Geographie,
Technologie, Musik, Kunst, Leibeserziehung, ab 11 Jahren moderne Sprachen
(üblicherweise Französisch) teilen. Die drei Kernfächer machen den
Großteil des Unterrichts in der Primarstufe aus. Seit 1944 ist Religion
Basisfach, muß also unabhängig vom National Curriculum in jedem Fall
gelehrt werden. Eine zentrale Leistungsmessung innerhalb dieser
Unterrichtsfächer findet zu festgelegten Zeiten statt, nämlich jeweils
am Ende von den vier Key Stages (Schlüsselstufen) im Alter von 7, 11, 14
und 16 Jahren. Diese Prüfungen sind regional festgelegt. Aus vier
verschiedenen Testheften pro Fach wählt die Schule ihren Test aus. Die
Anforderungen, die in jedem Fach an die Schüler gestellt werden, sind in
sogenannten Attainment Targets (Fertigkeitszielen) formuliert, die
wiederum jeweils in zehn Levels (Verwirklichungsstufen) aufgeteilt sind.
Diese zehn Levels sind so aufgebaut, dass ein Durchschnittsschüler in
jedem Jahr das nächsthöhere Level erreichen kann. So geht man davon aus,
dass sich die Schüler z.B. in der Key Stage 1-Prüfung innerhalb der
Levels 1 bis 3 bewegen und in der Key Stage 2-Prüfung bis in die Levels 5
und 6 vorgedrungen sind.
Die Key-Stage-Prüfungen in den 3
Kernfächern Englisch, Mathematik und Science (Naturwissenschaft) sind
öffentlich vorgeschrieben und bestehen aus standardisierten Testaufgaben.
Dieses Verfahren ermöglicht den Vergleich der Ergebnisse der Schüler und
der Schulen mit den landesweiten Durchschnittswerten.
Das National Curriculum ist in den
Schulen, bei Eltern und Lehrerlnnen sehr umstritten. Die Standards der
Anforderungen scheinen zu abstrakt und zu hoch. Tatsächlich wurde das
Testniveau nach dem ersten Durchlauf revidiert und reduziert, weil die
Ergebnisse zeigten, dass die Anforderungen nicht erreichbar waren (siehe
auch Karin Meier, in: Bildungslandschaft Europa).