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2.2.2008

Hessen

Hessenwahl bestätigt:
Wähler goutieren "gemeinsames Lernen" als schulpolitisches Ziel

Die Forderung nach einem längeren gemeinsamen Lernen ist Bestandteil des Regierungsprogramms der SPD in Hessen. Mit dieser Forderung hat die SPD den Wahlkampf in Hessen bestritten. Zur Erinnerung die Passagen im Wortlaut:

"Wir wollen die frühe Selektion an Hessens Schulen beenden. Hier werden ohne Grund für viele Kinder Lebenschancen verbaut. Wer die individuelle Entwicklung jedes einzelnen Kindes ernst nimmt, kann deutlich mehr Kinder zu besseren Bildungsabschlüssen fördern. Dies ist sowohl im Interesse jedes einzelnen Kindes als auch im Interesse der gesamten Gesellschaft. Wir brauchen deutlich mehr sehr gut ausgebildete Menschen, wenn wir die Zukunft in Wirtschaft und Gesellschaft meistern wollen. Alle Studien zeigen, dass das gemeinsame Lernen in unseren europäischen Nachbar ländern nicht nur mehr Schüler fördert, sondern auch bessere Leistungen sowohl im Durchschnitt als auch bei den Spitzenschülern hervorbringt. Längeres gemeinsames Lernen ist auch sozial gerechter, denn viel zu oft wird bei der Schulempfehlung nach sozialer Herkunft statt nach Leistungsfähigkeit entschieden.

Wir wollen eine Schule, die Freiräume für die soziale und individuelle Entwicklung aller Kinder ohne Anpassungsdruck und Aussonderungsdrohung bereithält und auf die Illusion von homogenen Lerngruppen verzichtet. Wir wollen längeres gemeinsames Lernen aller Kinder und Jugendlichen. Daher streben wir eine Schulstruktur an,

  • in der alle weiterführenden Schulen bis zur Klasse 10 eine gemeinsame Mittelstufe anbieten.

  • Wir werden dafür sorgen, dass schon ab 2008 bestehende Schulen des Sekundarbereichs nach den Prinzipien unseres Hauses der Bildung arbeiten können.

  • Weiterhin wollen wir erreichen, dass bis zum Jahr 2010 für jedes Kind wohnortnah im Sekundarbereich I mindestens eine Schule nach den Prinzipien unseres Hauses der Bildung arbeitet.

Wir werden jedoch keine Schulreform „von oben“ verordnen. Wir wissen, dass wir eine grundlegende Veränderung des Schulsystems und der damit verbundenen Erwartungshaltung an bestmögliche Bildungserfolge der Schülerinnen und Schüler nur im Dialog mit Eltern und Lehrkräften erreichen werden. Wir streben eine an den vorhandenen Schulstandorten ausgerichtete Weiterentwicklung des Schulsystems an. Dazu werden wir: schulformunabhängige Bildungsstandards schaffen, die beschreiben, welche Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler am Ende eines Jahrgangs mindestens erreicht haben sollen. Die bestehenden schulformbezogenen Lehrpläne und Stundentafeln aufheben und durch Kernlehrpläne und Jahresstundentafeln ersetzen, die an den Bildungsstandards orientiert sind, damit die Schulen den pädagogischen Freiraum erhalten, um möglichst vielen Schüler die Kompetenzstufen im Rahmen dieser Kernlehrpläne zu ermöglichen.

  • den Elternwillen ernst nehmen. Aus diesem Grund wird es eine Schulformempfehlung der Grundschule nicht mehr geben. Für alle Schulen der Mittelstufe gilt:
    -  Die Querversetzung, d. h. die Überweisung an eine andere Schule, wird aus dem Schulgesetz gestrichen.
    -  An die Stelle des Sitzenbleibens treten Fördermaßnahmen. Die Eltern behalten aber das Recht, selbst über eine
       Klassenwiederholung oder einen Schulwechsel ihres Kindes zu entscheiden.
    -  Alle Schulen der Sekundarstufe I bereiten auf alle Abschlüsse vor.

  • Schulsozialarbeit unterstützen, die Schülerinnen und Schülern rechtzeitig beim Bearbeiten persönlicher und sozialer Probleme hilft. Wir wollen wieder eine regional angepasste Schulentwicklungsplanung vor Ort. Die Schulen mit gemeinsamer Sekundarstufe I erhöhen die Flexibilität der kommunalen Schulträger. Durch Zusammenlegung und Umwandlung bestehender Schulen kann auf die demografische Entwicklung
    angemessen reagiert werden. Eine gemeinsame Sekundarstufe I ermöglicht den Schulträgern, allen Schülerinnen und Schülern den Zugang zu allen Abschlüssen und Qualifikationen offen zuhalten. Die Richtwerte zur Klassenbildung werden wir abschaffen. Schulen, ihre Schülerinnen und Schüler sowie das jeweilige soziale Umfeld unterscheiden sich zum Teil erheblich. Dementsprechend darf die Lehrerzuweisung nicht ausschließlich an der Zahl der Klassen bemessen werden, sondern muss auch die pädagogischen Zielsetzungen und strukturellen Bedingungen der einzelnen Schule berücksichtigen. Unser Grundsatz des längeren gemeinsamen Lernens schließt ausdrücklich auch Kinder mit Behinderungen ein. Wir wollen deren Isolierung vermeiden, denn wer von Anfang an nicht ausgeschlossen wird, muss auch später nicht wieder integriert werden. Aus diesem Grund werden wir
    das System der Förderschulen von Grund auf überdenken. Unser Ziel ist die Überwindung aussondernder Einrichtungen. Auch Jugendliche mit besonderem pädagogischen Förderbedarf müssen ihre individuelle Förderung in der gemeinsamen Schule erfahren. Lediglich für Kinder und Jugendliche mit schweren und schwersten Behinderungen werden gesonderte Klassen nötig sein, um ihren besonderen Bedürfnissen gerecht
    werden zu können.

Kein Jugendlicher ohne Abschluss

Wir wollen keinen Jugendlichen ohne Abschluss aus der Schule zu entlassen. Wir werden Schule so organisieren, dass der allgemeine Bildungsabschluss nach der 10. Klasse erworben wird. Ziel ist es, einen allgemeinen Bildungsabschluss nach der Klasse 10 zu vergeben. Das 10. Schuljahr wird künftig eine Gelenkfunktion beim Übergang in die berufliche Ausbildung oder in die weiterführenden Schulen wahrnehmen. Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit in der Mittelstufe wird aufgehoben, G 8 wird beendet. Nach dem allgemeinen Bildungsabschluss wählt jede und jeder Jugendliche seinen weiteren Werdegang aus den Optionen Berufsausbildung, vollschulische Assistentenausbildung oder Oberstufe zum Erwerb der Hochschulreife. Die kommunale Jugendberufshilfe wurde im Rahmen der „Operation düstere Zukunft“ durch die Zerschlagung des Fachstellenprogramms erheblich geschwächt. Sie braucht neue Impulse und muss wieder gestärkt werden. Die Aufgabe des Landes besteht darin, den Aufbau lokaler Netzwerke für den Übergang von der Schule in den Beruf unter Einschluss der Jugendberufshilfe zu unterstützen. Die berufliche Ausbildung, die am Berufsprinzip orientiert bleibt, erfolgt in der Regel im dualen System. Bei besonderen Engpässen auf dem Ausbildungsmarkt und zu geringem Angebot an dualen Ausbildungsplätzen wird das erforderliche Angebot der beruflichen Erstausbildung in staatlicher Verantwortung durch die Möglichkeit der vollschulischen Berufsausbildung
an Beruflichen Schulen mit gleichwertigen Berufsabschlüssen organisiert. Eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung berechtigt zur Fort- und Weiterbildung an einer Fachoberschule, einer Berufsakademie, einer Fachschule oder zur Aufnahme eines Studiums an einer Fachhochschule oder Universität. Um auch weiterhin das Abitur nach zwölf Jahren erreichen zu können, wollen wir eine Oberstufe mit einem echten Kurssystem, das in zwei bis
drei Jahren durchlaufen werden kann. Entscheidend ist der Nachweis der Pflichtkurse bis zur Abiturprüfung. Jede Schülerin und jeder Schüler erarbeitet mit beratender Unterstützung durch die Lehrer zu Beginn der Oberstufe einen individuellen Lernplan aus, der regelmäßig überprüft und gegebenenfalls modifiziert wird. Die Schuleingansstufe der Grundschule und das Kurssystem der Oberstufe sorgen für eine weitestgehende Flexibilisierung und geben weiterhin die
Chance für die Verkürzung der Schulzeit.

Besser Lernen in Ganztagsschulen
Längeres gemeinsames Lernen und echte Ganztagsschulangebote gehören untrennbar zusammen. Für uns ist Ganztagsschule mehr, als den jetzigen Schulalltag in den Nachmittag zu verlängern. Wir wollen mehr als eine Mittagsbetreuung. Wir wollen Ganztagsschulen mit einem pädagogisch bestimmten Tagesrhythmus, in denen neue Bildungskonzepte verwirklicht werden können. Wir wollen einen Schulalltag, der fächerübergreifende Förderung
organisieren hilft und Unterricht, Erziehung und individuelle Förderung besser miteinander kombinieren kann. Deshalb halten wir an dem Ziel eines Ausbaus der Ganztagsschulen fest. Jedem Kind soll wohnortnah eine ganztägig arbeitende Schule angeboten werden.