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Korea: Einer der Testsieger im PISA-Vergleich

Nachfolgenden Bericht über das Bildungssystem Koreas 
von Botho von Kopp
haben wir dem PISA-Info der GEW 01/2002 entnommen.

In Korea gehen die SchülerInnen neun Jahre gemeinsam zur Schule, erst danach trennen sich die Schullaufbahnen. Es gibt kein Sitzenbleiben. Für Höchstbegabe allerdings gibt es schon früh eine besondere Förderung in besonderen Einrichtungen.

 

Das System: Überblick

Die Vorschule (Kindergarten) steht unter der Aufsicht des Bildungsministeriums. Ein Curriculum strukturiert die Bereiche physischer, sozialer, sprachlicher und lernaktivierender Tätigkeiten, die von der Vorschule gezielt und systematisch gefördert werden sollen. Dieser gezielte Vorschulunterricht beträgt laut Curriculum 3 Stunden täglich, wird aber meist auf 4 Stunden erweitert. Obwohl eine größere Teilnahme an der Vorschule erwünscht ist, waren 1997 erst knapp die Hälfte aller Kinder vom Vorschulunterricht im 5. Lebensjahr erfasst. Seit 1996 wurde ein System eingeführt, wonach auch die Grundschulen schon 5-jährige Kinder aufnehmen können, um diese im Vorschulprogramm auf die Schule vorzubereiten. Je nach regionalen Kapazitäten geht man davon aus, dass 5 bis 20% der Kinder einer Region in dieses Programm aufgenommen werden können. Gleichzeitig wurde die Möglichkeit geschaffen, dass besonders begabte Kinder Klassen überspringen können.

Das Schulsystem besteht aus der sechsjährigen Primarschule ("Grundschule"), der dreijährigen Sekundar-I-Schule ("Mittelschule") und der dreijährigen Oberschule (sog. 6-3-3 System). Der Privatschulsektor erfasste Ende der 90er Jahre 1,6% der Grundschulen, 24% der Mittelschulen, 60% der Oberschulen und 75% der Universitäten und Colleges.

Die Grundschule praktiziert eine automatische Versetzung, es gibt also kein Sitzenbleiben. Die Absolventen der Grundschule werden nach Losverfahren auf die Mittelschulen in ihren Wohnbezirken verteilt. Dieses Verfahren soll verhindern, dass wohnviertelspezifische Hierarchien von Elite- bzw. "Restschulen" entstehen.

Die Mittelschule unterliegt der Schulpflicht, ist aber nur teilweise, d.h. in ländlichen und bestimmten städtischen Gebieten und für sozial Schwache, kostenlos. Etwa 96% der Mittelschulabgänger gehen in die Oberschule über. Diese gibt es als allgemein bildenden ("akademischen") Zweig, der von rd. 63% der Schülerschaft besucht wird, sowie als beruflichen Zweig, der von rd. 37% besucht wird. Den beruflichen Zweig gibt es in den Richtungen Landwirtschaft, Technik, Handel und Fischereiwesen und als "Comprehensive Schools", die berufliche und akademische Kurse verbinden. Es gibt darüber hinaus einige spezielle Oberschulen für Kunst (16 Schulen Ende der 90er Jahre), Fremdsprachen (14 Schulen), Naturwissenschaften (15 Schulen) und Sport 13 Schulen). Diese Einrichtungen dienen der Begabtenförderung.

Die Zulassung zu den allgemeinen Oberschulen folgt in bestimmten ("geregelten") Bezirken einem einheitlichen Verfahren, wonach die Bewerber den öffentlichen oder privaten Schulen zugeteilt werden. Diejenigen, die trotz Zuweisung zu einer beruflichen Oberschule die Zulassung zu einer akademischen Schule wünschen, können einen Transfer bei der Provinzschulbehörde beantragen und müssen sich vor der lokalen Schulbehörde einer Prüfung unterziehen. Bestehen sie diese werden sie, wiederum durch Losverfahren, auf die Schulen des Bezirke verteilt. In ungeregelten Bezirken können sich die Mittelschulabsolventen direkt bei der Schule ihrer Wahl bewerben, die ihre jeweiligen Zulassungskriterien zur Anwendung bringt. Die speziellen Oberschulen für Naturwissenschaften usw. können ihre Schülerschaft frühzeitig aus dem Kreis der besten Mittelschüler - in der Regel aus der Spitzengruppe der besten 3% einer Schule - rekrutieren und sie haben einen hohen Grad an Autonomie hinsichtlich der Entwicklung ihrer Curricula, Lehrerrekrutierung und finanziellem Management.

Die Schulcurricula sind seit Gründung der Republik sechs Mal reformiert worden, zuletzt im Jahre 1992. Die Curricula der Grundschule sehen außer dem regulären Unterricht Stunden extracurricularer (aber in-schulischer) Aktivitäten sowie ab dem dritten Jahrgang Wahlfächer vor. Die Mittelschule weist erweiterte Bereiche von Wahl- bzw. Pflichtwahlfächern auf. Die Oberschule mit nochmals erweiterten Wahl- bzw. Differenzierungsmöglichkeiten ist nach dem US-amerikanischen Credit-System organisiert, wobei für den regulären Abschluss mindestens eine Gesamtsumme von 204 Credits (Wochenstunden pro Semester) erreicht werden muss.

Großer Wert wird seit einigen Jahren auf die Ausstattung der Schulen mit IT-Technologie gelegt. Ende der 90er Jahre wurde der Plan verabschiedet, bis 1999 alle Schulen mit Computern und bis zum Jahr 2000 mit Intemetanschluss auszustatten. Die regionalen Schulämter wurden mit Multimedia-Klasenzimmern ausgestattet, in denen die Grund-, Mittel- und Oberschullehrer mit dieser Ausstattung vertraut gemacht werden.

Das Hochschulwesen besteht aus vierjährigen Studiengängen in Universitäten und Colleges, die üblicherweise zum ersten Abschluss des Bachelor führen, vierjährigen Lehrerbildungsanstalten, zwei bis dreijährigen Studien in beruflichen Junior Colleges und Studien unterschiedlicher Dauer in Polytechnika (überwiegend für nachholende Qualifizierung) und sog. Miscellaneous Schools (für Erreichen verschiedener Schulabschlüsse sowie Qualifizierungen in vielen Berufsrichtungen). Seit 1997 können auch Firmen ihre eigenen Hochschulen gründen. Diese bieten zweijährige Diplomstudiengänge mit dem Abschluss des "Associate" bzw. daran anschließende nochmals zweijährige Bachelor-Studiengänge an. Diese Hochschulen sind ausschließlich für die Beschäftigten der jeweiligen Firma vorgesehen, sie unterstehen jedoch der generellen Aufsicht durch das Bildungsministerium.

Laufende Reformen sollen wesentliche Neuerungen bringen. Sie zielen insgesamt auf eine größere Diversifizierung der Universitäten, auf eine Erweiterung der neue Curricula, eine Reform des Universitäts-Zulassungsverfahrens u.a. Neue Maßnahmen sollen die Schulautonomie erweitern, die bisher nur sehr gering ausgeprägt war. Seit 1996 gibt es in allen Schulen Schulräte, die sich zu 40-50% aus Eltern, zu 3040% aus Lehrern und dem Schulleiter sowie zu 10-30% aus Vertretern des jeweiligen Einzugsbezirks der Schule zusammensetzen. Diese Räte beteiligen sich am Schulmanagement, d.h. sie nehmen auch an den Beratungen über das Schulbudget, über curriculare Fragen sowie über extracurriculare Angebote der Schule sowie gegebenenfalls weitere Aktivitäten teil. Die Einbeziehung von Vertretern des Wohnbezirks soll die Stellung der Schule in dessen Umfeld stärken.

Finanzierung

Die Finanzierung des Bildungssystems als Prozentsatz des BSP weist in den verschiedenen Jahren unterschiedliche Anteile aus, die in der ersten Hälfte der 90er Jahre zwischen 3,5 und 4,4% und damit (z. B. für 1997) deutlich unterhalb derer Kanadas (5,4%) oder Finnlands (6,3%) aber nur wenig unterhalb Deutschlands (4,5%) lagen. Der Anteil der nationalen Regierung an den Gesamtaufwendungen lag 1994 bei 53,2%, die Kommunen trugen 2,4%, die Eltern und Schüler selbst 32,1% und private Stiftungen den Rest von 12,3% bei. Mit anderen Worten: Der Beitrag der Familien ist erheblich und wächst bei Berücksichtigung der indirekten Ausgaben (Schulbücher, Transport, privater Nachhilfeunterricht, Schuluniformen usw.) noch weiter an, so dass man sagen kann, dass sie rd. zwei Drittel der Gesamt-Bildungsausgaben tragen (IBE-Länderstudie). Die Bildungspolitik hatte das Ziel ausgegeben, bis Ende der 90er Jahre den Regierungsanteil an den Bildungsausgaben zu erhöhen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Schulen selbst Mittel - z. B. von der Privatindustrie - einwerben können. Die Mittelerhöhung soll u. a. konkret auch dafür benutzt werden, um in den Schulen öffentlichen Nachhilfedienste einzurichten. Dieses "Qualitiy tutoring" soll denjenigen Schülern zugute kommen, deren Eltern nicht das Geld für teure schulergänzenden Nachhilfeunterricht haben. Es ist damit zuerst als soziale Maßnahme gedacht, denn in der koreanischen Gesellschaft, in der großer Wert auf Bildungskarrieren gelegt wird, besteht eine große Nachfrage nach einer solchen Nachhilfe. Das Quality tutoring dürfte aber auch dazu beitragen, die Schülerleistungen insgesamt anzuheben.

Qualitätsprüfung und -sicherung

Der Präsidenzielle Reformrat, der 1995 eingesetzt wurde, hat entschieden, dass ab dem folgenden Jahr die Leistungs- und weitere personenbezogene Daten von jedem Schüler vom Lehrer in einem sog. "Comprehensive Personal Record" dokumentiert werden müssen. Dieses neue Evaluationssystein soll sowohl summarische als auch spezielle diagnostische Informationen über Leistungs- und soziale Entwicklung der Schüler in verschiedenen Kategorien (z. B. physische Entwicklung, Ergebnisse von psychologischen Tests, Noten, spezielle Talente und Interessen, extracurriculare Aktivitäten usw.) bereitstellen.

Die Informationen der Cumulative Records sollen gezielt zur Förderung der Lernleistungen bzw. der sozialen Entwicklung der einzelnen Schüler eingesetzt werden. Diese Informationen über die Bewerber werden auch an die weiterführenden Schulen übermittelt und auch die Hochschulen können diese Angaben, zusammen mit den Ergebnissen der zentralen College Scolastic Ability Tests für ihre Entscheidung heranziehen.

Die eigentlichen Leistungsdaten werden in landesweiten Tests (National Assessment of Scholastic Achievement - NASA) an allen Schulen erhoben und zwar in der Grundschule in den Jahrgängen 4, 5 und 6, und in der Mittel- und Oberschule jeweils in den ersten zwei Jahren (also nicht im dritten Abschlussjahr). Form der Fragen sind in der Regel Multiple Choice und schriftliche, freie Beantwortung. Die Prüfungsfächer umfassen in Grund- und Mittelschule: Koreanisch, Rechnen, Social Studies und Naturwissenschaften. In der Oberschule kommt Englisch dazu. Die Ergebnisse der einzelnen Schulen und Schüler werden der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht, es werden jedoch die Ergebnisse eines repräsentativen Samples von der nationalen Erziehungsbehörde analysiert und veröffentlicht.

Lehrerfort- und Weiterbildung, Qualifizierung der Schulleiter

Die Reform von 1955 hat einen ihrer Schwerpunkte auf die Ausbildung exzellenter Lehrer gelegt. Diese Qualität soll schon in der regulären Ausbildung gesichert werden, wird aber ergänzt durch weitere Qualifizierungsmaßnahmen. Lehrerweiterbildungszentren wurden systematisch seit den 60er Jahren auf- und ausgebaut. Es gibt sie sowohl in den Provinzen als auch in Kommunen. Daneben gibt es 11 Weiterbildungszentren für Grundschullehrer, die an Pädagogische Hochschulen (Teacher Training Colleges) angeschlossen sind, wie auch 51 solcher Zentren für Sekundarschullehrer an Universitäten. Jährlich nehmen rd. 130.000 Lehrer, d. h. rd. M der Gesamtlehrerschaft, an (sog. Auffrischung) Kurzzeit-Kursen von mindestens 10 Tagen Dauer teil, um Kenntnisse aufzufrischen und sich mit neuen pädagogischen Entwicklungen bekannt zu machen. Weitere 20.000 Lehrer besuchen jährlich Qualifizierungskurse, nach deren Abschluss sie höhere Klassen unterrichten können. Diese Qualifizierungskurse dauern mindestens 30 Tage. Abgesehen davon hat das Nationale College für Lehrerbildung in Seoul eine spezielle Ausbildungsstätte für Bildungsverwaltung und Schulmanagement. Die dortigen Kurse dauern ein halbes Jahr. Das Bildungsministerium unterhält ein National Institute for Training of Educational Administrators. Diese bietet verschiedene Trainingsprogramme für Leiter von Schulbehörden, von Grund- und Sekundarschulleitern, von Inspektoren, aber auch von Forschem und Regierungsbeamten an. 1998 gab es 21 verschiedene Programme mit jährlich fast 4.400 Teilnehmern.

Zusammenfassung

Die (Süd-) Koreaner liegen auf dem zweiten Platz des PISA-Leseleistungs-Ranking. Was hinsichtlich der Leseleistung auffällt, ist die Tatsache, dass der Anteil derjenigen mit dem höchsten Leseverständnis keineswegs beeindruckend ist, sondem unter dem Durchschnitt liegt. Andererseits ist die Gruppe der zweit höchsten Stufe mit einem immer noch guten Verständnis die größte aller Länder und umgekehrt, die Gruppe derjenigen, die noch unterhalb der Stufe 1 liegen, denen also elementares Leseverständnis abgesprochen werden kann, die kleinste Gruppe aller untersuchten Länder. Daneben weisen die Koreaner sehr gute Ergebnisse in den Bereichen der Mathematik- und naturwissenschaftlichen Leistungen auf. Das überrascht nicht so sehr, denn in zahlreichen anderen Untersuchungen hat sich immer wieder gezeigt, daß die ostasiatischen Länder besonders in Mathematik und Naturwissenschaften herausragende Ergebnisse haben. Dies gilt sogar für die Kinder von in die USA eingewanderten Familien - ist also nicht allein vom Schulsystem abhängig. Andererseits: unabhängig von diesem System ist es sicher nicht, denn dieses spiegelt wie die Systeme Japans und Chinas, Taiwans - die enge Verknüpfung von hohen Anforderungen an die Lernenden, einer rigiden Evaluierung durch Benotungen und Tests, sowie die hohen privaten Einsätze an Zeit und Geld, die über die Schule hinaus von den Kindern und Familien abverlangt werden.

Auffallend ist einerseits eine systematische Sicherung des "Gesamtschulcharakters" von Mittel- und teilweise Oberschulen durch Loszuteilung der Schüler und andere Maßnahmen, und andererseits die Förderung einer gezielten Auslese zu besonders geförderten Begabtenschulen. Auffallend ist auch die große Betonung, die auf systematische Lehrerfortbildung sowie auf die Weiterbildung des Verwaltungspersonals sowie der Schulleiter gelegt wird.

Die Ergebnisse von PISA zeigen, daß Südkorea zwar in der Spitzengruppe des Mathematik- und des Naturkundewissens brilliert, daß es aber bei der Lesefähigkeit weniger auf Grund einer großen Gruppe von Schülern mit dem besten Leseverständnis (diese Gruppe ist im Gegenteil sehr klein), sondern vor allem durch die geringe Gruppe derjenigen mit einem sehr schlechten bzw. schlechten Leseverständnis auf den zweiten Platz kam. Dies verdeutlicht, daß auch "Spitzenländer" ihre spezifischen Schwächen und Stärken haben.