Die Vorschule (Kindergarten) steht unter der Aufsicht
des Bildungsministeriums. Ein Curriculum strukturiert die Bereiche
physischer, sozialer, sprachlicher und lernaktivierender Tätigkeiten, die
von der Vorschule gezielt und systematisch gefördert werden sollen.
Dieser gezielte Vorschulunterricht beträgt laut Curriculum 3 Stunden
täglich, wird aber meist auf 4 Stunden erweitert. Obwohl eine größere
Teilnahme an der Vorschule erwünscht ist, waren 1997 erst knapp die
Hälfte aller Kinder vom Vorschulunterricht im 5. Lebensjahr erfasst. Seit
1996 wurde ein System eingeführt, wonach auch die Grundschulen schon
5-jährige Kinder aufnehmen können, um diese im Vorschulprogramm auf die
Schule vorzubereiten. Je nach regionalen Kapazitäten geht man davon aus,
dass 5 bis 20% der Kinder einer Region in dieses Programm aufgenommen
werden können. Gleichzeitig wurde die Möglichkeit geschaffen, dass
besonders begabte Kinder Klassen überspringen können.
Das Schulsystem besteht aus der sechsjährigen
Primarschule ("Grundschule"), der dreijährigen
Sekundar-I-Schule ("Mittelschule") und der dreijährigen
Oberschule (sog. 6-3-3 System). Der Privatschulsektor erfasste Ende der
90er Jahre 1,6% der Grundschulen, 24% der Mittelschulen, 60% der
Oberschulen und 75% der Universitäten und Colleges.
Die Grundschule praktiziert eine automatische
Versetzung, es gibt also kein Sitzenbleiben. Die Absolventen der
Grundschule werden nach Losverfahren auf die Mittelschulen in ihren
Wohnbezirken verteilt. Dieses Verfahren soll verhindern, dass
wohnviertelspezifische Hierarchien von Elite- bzw. "Restschulen"
entstehen.
Die Mittelschule unterliegt der Schulpflicht, ist aber
nur teilweise, d.h. in ländlichen und bestimmten städtischen Gebieten
und für sozial Schwache, kostenlos. Etwa 96% der Mittelschulabgänger
gehen in die Oberschule über. Diese gibt es als allgemein bildenden
("akademischen") Zweig, der von rd. 63% der Schülerschaft
besucht wird, sowie als beruflichen Zweig, der von rd. 37% besucht wird.
Den beruflichen Zweig gibt es in den Richtungen Landwirtschaft, Technik,
Handel und Fischereiwesen und als "Comprehensive Schools", die
berufliche und akademische Kurse verbinden. Es gibt darüber hinaus einige
spezielle Oberschulen für Kunst (16 Schulen Ende der 90er Jahre),
Fremdsprachen (14 Schulen), Naturwissenschaften (15 Schulen) und Sport 13
Schulen). Diese Einrichtungen dienen der Begabtenförderung.
Die Zulassung zu den allgemeinen Oberschulen folgt in
bestimmten ("geregelten") Bezirken einem einheitlichen
Verfahren, wonach die Bewerber den öffentlichen oder privaten Schulen
zugeteilt werden. Diejenigen, die trotz Zuweisung zu einer beruflichen
Oberschule die Zulassung zu einer akademischen Schule wünschen, können
einen Transfer bei der Provinzschulbehörde beantragen und müssen sich
vor der lokalen Schulbehörde einer Prüfung unterziehen. Bestehen sie
diese werden sie, wiederum durch Losverfahren, auf die Schulen des Bezirke
verteilt. In ungeregelten Bezirken können sich die Mittelschulabsolventen
direkt bei der Schule ihrer Wahl bewerben, die ihre jeweiligen
Zulassungskriterien zur Anwendung bringt. Die speziellen Oberschulen für
Naturwissenschaften usw. können ihre Schülerschaft frühzeitig aus dem
Kreis der besten Mittelschüler - in der Regel aus der Spitzengruppe der
besten 3% einer Schule - rekrutieren und sie haben einen hohen Grad an
Autonomie hinsichtlich der Entwicklung ihrer Curricula, Lehrerrekrutierung
und finanziellem Management.
Die Schulcurricula sind seit Gründung der Republik
sechs Mal reformiert worden, zuletzt im Jahre 1992. Die Curricula der
Grundschule sehen außer dem regulären Unterricht Stunden
extracurricularer (aber in-schulischer) Aktivitäten sowie ab dem dritten
Jahrgang Wahlfächer vor. Die Mittelschule weist erweiterte Bereiche von
Wahl- bzw. Pflichtwahlfächern auf. Die Oberschule mit nochmals
erweiterten Wahl- bzw. Differenzierungsmöglichkeiten ist nach dem
US-amerikanischen Credit-System organisiert, wobei für den regulären
Abschluss mindestens eine Gesamtsumme von 204 Credits (Wochenstunden pro
Semester) erreicht werden muss.
Großer Wert wird seit einigen Jahren auf die
Ausstattung der Schulen mit IT-Technologie gelegt. Ende der 90er Jahre
wurde der Plan verabschiedet, bis 1999 alle Schulen mit Computern und bis
zum Jahr 2000 mit Intemetanschluss auszustatten. Die regionalen
Schulämter wurden mit Multimedia-Klasenzimmern ausgestattet, in denen die
Grund-, Mittel- und Oberschullehrer mit dieser Ausstattung vertraut
gemacht werden.
Das Hochschulwesen besteht aus vierjährigen
Studiengängen in Universitäten und Colleges, die üblicherweise zum
ersten Abschluss des Bachelor führen, vierjährigen
Lehrerbildungsanstalten, zwei bis dreijährigen Studien in beruflichen
Junior Colleges und Studien unterschiedlicher Dauer in Polytechnika
(überwiegend für nachholende Qualifizierung) und sog. Miscellaneous
Schools (für Erreichen verschiedener Schulabschlüsse sowie
Qualifizierungen in vielen Berufsrichtungen). Seit 1997 können auch
Firmen ihre eigenen Hochschulen gründen. Diese bieten zweijährige
Diplomstudiengänge mit dem Abschluss des "Associate" bzw. daran
anschließende nochmals zweijährige Bachelor-Studiengänge an. Diese
Hochschulen sind ausschließlich für die Beschäftigten der jeweiligen
Firma vorgesehen, sie unterstehen jedoch der generellen Aufsicht durch das
Bildungsministerium.
Laufende Reformen sollen wesentliche Neuerungen
bringen. Sie zielen insgesamt auf eine größere Diversifizierung der
Universitäten, auf eine Erweiterung der neue Curricula, eine Reform des
Universitäts-Zulassungsverfahrens u.a. Neue Maßnahmen sollen die
Schulautonomie erweitern, die bisher nur sehr gering ausgeprägt war. Seit
1996 gibt es in allen Schulen Schulräte, die sich zu 40-50% aus Eltern,
zu 3040% aus Lehrern und dem Schulleiter sowie zu 10-30% aus Vertretern
des jeweiligen Einzugsbezirks der Schule zusammensetzen. Diese Räte
beteiligen sich am Schulmanagement, d.h. sie nehmen auch an den Beratungen
über das Schulbudget, über curriculare Fragen sowie über
extracurriculare Angebote der Schule sowie gegebenenfalls weitere
Aktivitäten teil. Die Einbeziehung von Vertretern des Wohnbezirks soll
die Stellung der Schule in dessen Umfeld stärken.
Finanzierung
Die Finanzierung des Bildungssystems als Prozentsatz des BSP weist
in den verschiedenen Jahren unterschiedliche Anteile aus, die in der
ersten Hälfte der 90er Jahre zwischen 3,5 und 4,4% und damit (z. B. für
1997) deutlich unterhalb derer Kanadas (5,4%) oder Finnlands (6,3%) aber
nur wenig unterhalb Deutschlands (4,5%) lagen. Der Anteil der nationalen
Regierung an den Gesamtaufwendungen lag 1994 bei 53,2%, die Kommunen
trugen 2,4%, die Eltern und Schüler selbst 32,1% und private Stiftungen
den Rest von 12,3% bei. Mit anderen Worten: Der Beitrag der Familien ist
erheblich und wächst bei Berücksichtigung der indirekten Ausgaben
(Schulbücher, Transport, privater Nachhilfeunterricht, Schuluniformen
usw.) noch weiter an, so dass man sagen kann, dass sie rd. zwei Drittel
der Gesamt-Bildungsausgaben tragen (IBE-Länderstudie). Die
Bildungspolitik hatte das Ziel ausgegeben, bis Ende der 90er Jahre den
Regierungsanteil an den Bildungsausgaben zu erhöhen und die
Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Schulen selbst Mittel - z. B.
von der Privatindustrie - einwerben können. Die Mittelerhöhung soll u.
a. konkret auch dafür benutzt werden, um in den Schulen öffentlichen
Nachhilfedienste einzurichten. Dieses "Qualitiy tutoring" soll
denjenigen Schülern zugute kommen, deren Eltern nicht das Geld für teure
schulergänzenden Nachhilfeunterricht haben. Es ist damit zuerst als
soziale Maßnahme gedacht, denn in der koreanischen Gesellschaft, in der
großer Wert auf Bildungskarrieren gelegt wird, besteht eine große
Nachfrage nach einer solchen Nachhilfe. Das Quality tutoring dürfte aber
auch dazu beitragen, die Schülerleistungen insgesamt anzuheben.
Qualitätsprüfung und -sicherung
Der Präsidenzielle Reformrat, der 1995 eingesetzt
wurde, hat entschieden, dass ab dem folgenden Jahr die Leistungs- und
weitere personenbezogene Daten von jedem Schüler vom Lehrer in einem sog.
"Comprehensive Personal Record" dokumentiert werden müssen.
Dieses neue Evaluationssystein soll sowohl summarische als auch spezielle
diagnostische Informationen über Leistungs- und soziale Entwicklung der
Schüler in verschiedenen Kategorien (z. B. physische Entwicklung,
Ergebnisse von psychologischen Tests, Noten, spezielle Talente und
Interessen, extracurriculare Aktivitäten usw.) bereitstellen.
Die Informationen der Cumulative Records sollen gezielt
zur Förderung der Lernleistungen bzw. der sozialen Entwicklung der
einzelnen Schüler eingesetzt werden. Diese Informationen über die
Bewerber werden auch an die weiterführenden Schulen übermittelt und auch
die Hochschulen können diese Angaben, zusammen mit den Ergebnissen der
zentralen College Scolastic Ability Tests für ihre Entscheidung
heranziehen.
Die eigentlichen Leistungsdaten werden in landesweiten
Tests (National Assessment of Scholastic Achievement - NASA) an allen
Schulen erhoben und zwar in der Grundschule in den Jahrgängen 4, 5 und 6,
und in der Mittel- und Oberschule jeweils in den ersten zwei Jahren (also
nicht im dritten Abschlussjahr). Form der Fragen sind in der Regel
Multiple Choice und schriftliche, freie Beantwortung. Die Prüfungsfächer
umfassen in Grund- und Mittelschule: Koreanisch, Rechnen, Social Studies
und Naturwissenschaften. In der Oberschule kommt Englisch dazu. Die
Ergebnisse der einzelnen Schulen und Schüler werden der Öffentlichkeit
nicht zugänglich gemacht, es werden jedoch die Ergebnisse eines
repräsentativen Samples von der nationalen Erziehungsbehörde analysiert
und veröffentlicht.
Lehrerfort- und Weiterbildung, Qualifizierung der Schulleiter
Die Reform von 1955 hat einen ihrer Schwerpunkte auf
die Ausbildung exzellenter Lehrer gelegt. Diese Qualität soll schon in
der regulären Ausbildung gesichert werden, wird aber ergänzt durch
weitere Qualifizierungsmaßnahmen. Lehrerweiterbildungszentren wurden
systematisch seit den 60er Jahren auf- und ausgebaut. Es gibt sie sowohl
in den Provinzen als auch in Kommunen. Daneben gibt es 11
Weiterbildungszentren für Grundschullehrer, die an Pädagogische
Hochschulen (Teacher Training Colleges) angeschlossen sind, wie auch 51
solcher Zentren für Sekundarschullehrer an Universitäten. Jährlich
nehmen rd. 130.000 Lehrer, d. h. rd. M der Gesamtlehrerschaft, an (sog.
Auffrischung) Kurzzeit-Kursen von mindestens 10 Tagen Dauer teil, um
Kenntnisse aufzufrischen und sich mit neuen pädagogischen Entwicklungen
bekannt zu machen. Weitere 20.000 Lehrer besuchen jährlich
Qualifizierungskurse, nach deren Abschluss sie höhere Klassen
unterrichten können. Diese Qualifizierungskurse dauern mindestens 30
Tage. Abgesehen davon hat das Nationale College für Lehrerbildung in
Seoul eine spezielle Ausbildungsstätte für Bildungsverwaltung und
Schulmanagement. Die dortigen Kurse dauern ein halbes Jahr. Das
Bildungsministerium unterhält ein National Institute for Training of
Educational Administrators. Diese bietet verschiedene Trainingsprogramme
für Leiter von Schulbehörden, von Grund- und Sekundarschulleitern, von
Inspektoren, aber auch von Forschem und Regierungsbeamten an. 1998 gab es
21 verschiedene Programme mit jährlich fast 4.400 Teilnehmern.
Zusammenfassung
Die (Süd-) Koreaner liegen auf dem zweiten Platz des
PISA-Leseleistungs-Ranking. Was hinsichtlich der Leseleistung auffällt,
ist die Tatsache, dass der Anteil derjenigen mit dem höchsten
Leseverständnis keineswegs beeindruckend ist, sondem unter dem
Durchschnitt liegt. Andererseits ist die Gruppe der zweit höchsten Stufe
mit einem immer noch guten Verständnis die größte aller Länder
und umgekehrt, die Gruppe derjenigen, die noch unterhalb der Stufe 1
liegen, denen also elementares Leseverständnis abgesprochen werden kann,
die kleinste Gruppe aller untersuchten Länder. Daneben weisen die
Koreaner sehr gute Ergebnisse in den Bereichen der Mathematik- und
naturwissenschaftlichen Leistungen auf. Das überrascht nicht so sehr,
denn in zahlreichen anderen Untersuchungen hat sich immer wieder gezeigt,
daß die ostasiatischen Länder besonders in Mathematik und
Naturwissenschaften herausragende Ergebnisse haben. Dies gilt sogar für
die Kinder von in die USA eingewanderten Familien - ist also nicht allein
vom Schulsystem abhängig. Andererseits: unabhängig von diesem System ist
es sicher nicht, denn dieses spiegelt wie die Systeme Japans und Chinas,
Taiwans - die enge Verknüpfung von hohen Anforderungen an die Lernenden,
einer rigiden Evaluierung durch Benotungen und Tests, sowie die hohen
privaten Einsätze an Zeit und Geld, die über die Schule hinaus von den
Kindern und Familien abverlangt werden.
Auffallend ist einerseits eine systematische Sicherung
des "Gesamtschulcharakters" von Mittel- und teilweise
Oberschulen durch Loszuteilung der Schüler und andere Maßnahmen, und
andererseits die Förderung einer gezielten Auslese zu besonders
geförderten Begabtenschulen. Auffallend ist auch die große Betonung, die
auf systematische Lehrerfortbildung sowie auf die Weiterbildung des
Verwaltungspersonals sowie der Schulleiter gelegt wird.
Die Ergebnisse von PISA zeigen, daß Südkorea zwar in der
Spitzengruppe des Mathematik- und des Naturkundewissens brilliert, daß es
aber bei der Lesefähigkeit weniger auf Grund einer großen Gruppe von
Schülern mit dem besten Leseverständnis (diese Gruppe ist im Gegenteil
sehr klein), sondern vor allem durch die geringe Gruppe derjenigen mit
einem sehr schlechten bzw. schlechten Leseverständnis auf den zweiten
Platz kam. Dies verdeutlicht, daß auch "Spitzenländer" ihre
spezifischen Schwächen und Stärken haben.