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Schulreform in Polen

Angelika Fiedler ist Schulleiterin der Clara-Grunwald-Schule in Hamburg-Allermöhe. Sie berichtet über einen Besuch polnischer Schulen und skizziert die dort angestrebte Schulreform

Im Zeichen der knappen Kassen

»So, das ist nun die modernste Schule Europas«. sagt Magda, meine Freundin und Schulleiterin eines neugegründeten polnischen Gymnasiums in Wroclaw (Breslau), als wir ein altes verfallenes Gebäude betreten, dessen Inneres nicht anders aussieht als das völlig marode Äußere.

Ihre bitter-spöttische Bemerkung kann nur verstehen, wer weiß, das in Polen am 1. September 1999 eine Schulreform begonnen hat, die das gesamte polnische Schulwesen einschließlich der Lehrerbildung grundlegend verändern soll.

Um die ersten Umsetzungsspuren dieser Reform in der Praxis zu erleben, besuchte ich kurz nach dem Beginn der ersten Stufe dieser Reform Schulen auf dem Lande um Breslau, in Breslau selbst und schließlich auch in Warschau. Vorher hatte ich auf einer gemeinsamen Veranstaltung von GEW und Solidarnosc etwas über die Grundsätze der Reformen erfahren, nämlich:

  • Trennung der bisher achtjährigen Grundschule in eine sechsjährige Grundschule und ein dreijähriges Gymnasium (eine Art Orientierungsstufe), an die sich eine Art gymnasiale Oberstufe oder eine Berufsschulausbildung anschließt.

  • Veränderung des inhaltlichen Lernens vom bisher ausschließlich auf den Erwerb von »enzyklopädischen Wissen« ausgerichteten reinen Fachunterricht (von Klasse 1 an) hin zu mehr prozeduralem Lernen in fächerverbindenden und -übergreifenden Zusammenhängen.

  • Verlagerung eines großen Teils der Verantwortung für die Schulen auf die jeweiligen Schulleitungen; einschließlich personeller und curricularer Entscheidungskompetenzen, Abschaffung einer nationalen Schulaufsicht zugunsten von lokalen Aufsichtsstrukturen.

  • Veränderung der Lehreraus- und Weiterbildung und Schaffung einer Art hierarchischer Beamtenlaufbahn für Lehrerinnen.

  • Abschlussexamina am Ende jeder durchlaufenen Schulform sollen einerseits Hinweise auf den Lernstand geben, andererseits die Vergleichbarkeit. der Abschlüsse und die »Qualität der Schulen« sichern). Nach angelsächsischem Vorbild sollen die Schulen einen Teil ihrer zugewiesenen Gelder je nach den erfolgreichen Abschlüssen ihrer Schüler erhalten.

Ohnehin soll den Schulen nur 80 Prozent ihres Budgets fest zugewiesen werden, den Rest sollen sie über Sponsoring und eigene Aktivitäten selbst erwirtschaften.

Noch wenig Reformgeist

Bei meinen Besuchen verschiedener Primarschulen und Gymnasien in Warschau, Breslau und Umgebung war im Unterricht noch nicht viel von dem Geist der neuen Reform zu erkennen, ich bekam ausschließlich rein fachorientierten, Lehrerzentrierten und auf Frage und Antwort basierten Unterricht zu sehen, der die Lebenswelt der Kinder in keiner Weise aufnahm. Gespräche mit Lehrern endeten immer wieder bei demselben Thema: Reformideen können wir erst umsetzen, wenn wir mehr verdienen (350 bis 500 DM zur Zeit).

Dennoch zeigt die Reform erste Wirkung. In den von mir besuchten Gymnasien waren es besonders die neu eingesetzten Schulleitungen (eine von ihnen Magda), die sich voll Elan auf die Herausforderung einließen, gleichzeitig die Schulgebäude zu renovieren (in der Regel von Grund auf, Lehr- und Lernmittelsammlungen aufzubauen, neue Lehrer einzustellen, mit den Politikern über notwendiges Geld zu verhandeln und sich mit teilweise sofort einsetzenden staatlichen Kontrollen (z.T. mit Kontrolleuren »alten Schlages«) herumzuschlagen, auch wenn dies bei den meisten Arbeit. von morgens bis nachts bedeutete.

In einer ersten Lehrerkonferenz konnte ich erleben, wie zaghafte Ansätze von Beteiligung erprobt wurden, trotz schwierigster Umstände (viele Lehrerinnen müssen etwa an zwei Schulen unterrichten)

Von anderen lernen

Was geht uns denn an, was dort im fernen Polen vor sich geht? In meinen Augen gibt es viele Gründe, diese Reform in Polen zu begleiten:

Diese »alles umwälzende Reform wird durch ihr Gelingen, aber auch durch ihr Scheitern Beiträge können zu Fragen und Überlegungen wie:

  • Unter welchen Umständen sind Top-down-Reformen (nicht) erfolgreich?

  • Was wird aus einer Schulreform, für die keine oder kaum materielle Ressourcen bereitgestellt werden,

  • Wieweit kann "verordnetes" neues Denken wirklich Neues bewirken, wenn die, die es tragen sollen, noch in alten Denkmustern leben und arbeiten?

  • Welchen Beitrag können einzelne, zunächst als Einzelne in der Schullandschaft befindliche »Vorzeigeschulen« für eine Reform als Ganzes leisten?

  • Welche Wirkung hat das überlebensnotwendige Sponsoring auf die Pädagogik von Schulen?

Egal, ob diese Reform gelingt oder scheitert, die europäischen Bildungspolitiker werden mit Sicherheit für die Bildungspolitik im eigenen Land Schlüsse daraus ziehen, nicht zufällig kann sich das polnische Bildungsministerium vor Beratern aus ganz Europa und speziell aus dem angelsächsischen Raum kaum retten.

Nicht nur deshalb bin ich davon überzeugt, dass ein Dialog und eine systematische Unterstützung polnischer Kollegen (z.B. durch organisierten Lehreraustausch nicht nur ihnen nutzt, sondern auch unsere Perspektive auf zukünftige Bildungsplanung erweitert und Anregungen für die Weiterentwicklung unseres eigenen Bildungssystems liefert.