Arbeitskreis Gesamtschule in Hamburg

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Gesamtschule in den USA

Obwohl es in den Vereinigten Staaten von Amerika kein einheitliches Schulsystem, keine einheitlichen Lehrpläne und keine einheitlichen von der Bundesregierung erlassenen Regelungen zur inneren und äußeren Struktur des Schulwesens gibt, ist es nach Auffassung des State Department dennoch möglich, die groben Umrisse des amerikanischen Schulwesen zu beschreiben. Hier in den USA, im Mutterland der Demokratie, wurde bereits vor fast hundert Jahren eine demokratische Schule, d.h. eine für alle Kinder zugängliche Schule entwickelt: Die Gesamtschule.

Nachfolgend findet der Leser dieser Seite die Übertragung eines Textes des State Department, in dem über das amerikanische Schulwesen berichtet wird. Das Original des Aufsatzes ist abzurufen unter: Gesamtschule in den USA.

Große Wahlmöglichkeiten

Etwa 90 Prozent der amerikanischen Schüler durchlaufen das Schulsystem - in unserem Sprachgebrauch - von der Grundschule bis zum Abschluss der Sekundarstufe II. Die staatlichen Schulen erheben kein Schulgeld, sondern werden vom Staat und der Gemeinde finanziert. Allgemein schließt die Grundschule (elementary school) den Kindergarten mit ein und umfasst die Klassen 1 bis 8. In einigen Gemeinden allerdings endet die Grundschule bereits nach Klasse 6; danach besuchen die Schüler eine Mittelschule (oder junior high) von Klasse 7 bis 9. Entsprechend verhält es sich mit den Sekundarstufen- oder Oberschulen, die die Klassenstufe 9 bis 12 umfassen, an einigen Orten erst in Klasse 10 beginnen.

Etwa 10 Prozent der Schüler besuchen eine private Schule, an denen Schulgeld erhoben wird. Vier von fünf Privatschulen sind Konfessionsschulen. Hier ist Religion - anders als an den staatlichen Schulen - Bestandteil des Lehrplans. Eine kleinere aber wachsende Zahl von Eltern schickt ihre Kinder überhaupt nicht zur Schule, sondern übernimmt die Erziehung selbst. Dies ist eine Regelung, die als "homeschooling" bezeichnet wird.

Nach dem Schulabschluss - in der Regel nach Klassenstufe 12 - haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, ein College zu besuchen. Nach amerikanischem Sprachgebrauch ist ein College ein vierjähriger höherer Bildungsgang, in dem verwandte Fächer unterrichtet werden. Zum Beispiel bietet ein "Liberal Arts College" Kurse in Literatur, Sprachen, Geschichte, Philosophie und Geisteswissenschaften, während ein "Business College" Kurse in Buchhaltung, Investment und Marketing anbietet. Viele Colleges sind unabhängig und vergeben an ihre erfolgreichen Absolventen "Bachelor`s degrees. Colleges können allerdings auch Teil einer Universität sein. Eine große Universität umfasst in der Regel mehrere Colleges, graduierten Programme in verschiedenen Fachgebieten (z.B. eine Law School oder Medical School) zur Juristen- oder Medizinerausbildung sowie eine oder mehrere Forschungseinrichtungen.

Bildung eine lokale Angelegenheit

Jeder der 50 Staaten der USA von Hawaii bis Delaware, von Alaska bis Louisiana, hat seine eigenen gesetzlichen Bestimmungen, die das Schulsystem ordnen. Einige dieser Gesetze sind einander vergleichbar, andere nicht. Z.B.

  • Es gilt in allen Staaten die Schulpflicht, allerdings mit unterschiedlichen Altersgrenzen. Die meisten Staaten haben eine Schulpflicht bis zum 16. Lebensjahr, andere bis zum 18. Lebensjahr. Somit erhält also jedes Kind in Amerika mindestens 11 Jahre Schulbildung, und zwar unabhängig vom Geschlecht, der Rasse, der Religion, der  Staatsangehörigkeit, möglicher Behinderungen oder eingeschränkter Englischkenntnisse.

  • Einige Staaten nehmen großen Einfluss auf die Auswahl des Lehrmaterials, in anderen entscheiden bezirkliche lokale Aufsichtsbeamte darüber, welche Schulbücher gekauft werden.

Obwohl es kein nationales Curriculum in den USA gibt, werden bestimmte Fächer in allen Grundschulen und Oberschulen überall im Land unterrichtet. So steht im Mittelpunkt der Grundschulen natürlich Mathematik, Englisch (einschließlich Lesen, Schreiben, Grammatik und Literatur), "Schönschreiben", Naturwissenschaft und Sozialkunde (einschließlich Geschichte, Geographie, Bürgerkunde und Wirtschaft) sowie Sport. In vielen Schulen werden die Kinder mit Computern vertraut gemacht, die in den meisten Fächer zum integralen Bestandteil des Unterrichts geworden sind.

Zusätzlich zu den Pflichtkursen - z.B. ein Jahr amerikanische Geschichte, zwei Jahre Literatur, u.s.w. bieten die Sekundarschulen und Colleges in der Regel Wahl- oder Wahlpflichtkurse an. Häufig gewählt werden Darstellendes Spiel, Führerschein, Kochen oder Arbeitslehre.

Veränderte Standards

Bis in die Fünfzigerjahre waren die meisten Kurse Pflichtkurse. In den Sechziger- und Siebzigerjahren war der Trend hin zu mehr Auswahlmöglichkeiten für die Schüler. In den Achtzigerjahren allerdings gab es seitens der Eltern und Lehrer zunehmend kritische Stimmen. Der Hauptgrund dafür war ein vermuteter Zusammenhang zwischen der größeren Wahlmöglichkeit und den in standardisierten Tests in Mathematik, Sprache und Naturwissenschaft stetig schlechter werdenden durchschnittlichen Schülerleistungen.

Gleichzeitig gab es Klagen aus den Reihen der Bildungsverwaltung und der Wirtschaft darüber, dass Schulabsolventen häufig Fortbildungskurse in den so genannten drei R`s: reading, writing, arithmetic (Lesen, Schreiben, Mathematik) benötigten. Obwohl in allgemeinen Statistiken ausgewiesen war, dass um 1980 99 Prozent der erwachsenen Amerikaner lesen und schreiben konnten, meinten Kritiker, etwa 13 Prozent der 17-jährigen Amerikaner wären funktionale Analphabeten, d.h. sie wären nicht in der Lage, den täglichen Anforderungen nachzukommen, wie gedruckte Anweisungen zu verstehen oder Bewerbungsformulare auszufüllen.

In den Achtzigerjahren suchten Experten nach allen erdenklichen Ursachen für diesen Leistungsabfall in den amerikanischen Schulen. Eine Vermutung zielte auf das Fernsehen, von dem man überzeugt war, dass es nur drittklassiger Qualität war. Die amerikanischen Kinder sehen - so die Kritiker durchschnittlich 25 Stunden fern. Ein anderer Grund für den Leistungsabfall sah man in den zu geringen Lehrergehältern. Wegen dieser Gehälter würden wirkliche gute Lehrer in andere Berufe abwandern.

Am Ende ließ sich das Problem nicht auf einen einzigen Grund reduzieren, und entsprechend gab es keine Patentlösung. Das U.S. Department of Education setzte eine Kommission ein, die 1983 verschiedene Vorschläge zur Verbesserung der Unterrichtsqualität vorlegte. Das Schuljahr und der Schultag sollten verlängert werden, ein neues Kern-Curriculum sollte für alle Schüler verbindlich werden (u.a. vier Jahr Englisch, je drei Jahre Mathematik, Naturwissenschaften und Sozialkunde, ein halbes Jahr Computerkurse). Als Ergebnis haben viele Schulen ihre Ansprüche und Anstrengungen erhöht, und die Testergebnisse haben sich verbessert.

Soziale Themen in amerikanischen Schulen

Zusätzlich zu der Herausforderung, das Leistungsniveau zu erhöhen, hat sich den amerikanischen Schulen ein neues Problem gestellt. Sie müssen mit dem Zustrom von Immigrantenkindern fertig werden, die zum großen Teil wenig oder gar kein Englisch sprechen. Sie müssen damit fertig werden, dass die Curricula den Ansprüchen der verschiedenen Kulturen all dieser Kinder genügen. Sie müssen sicherstellen, dass die Schüler Grundfertigkeiten erwerben, die auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden, und sie müssen sich darauf einstellen, dass minderjährige Mütter andere Lerninteressen haben als ihre Mitschülerinnen und -schüler.

Die Schulen beantworten diese Probleme in unterschiedlicher Weise, wodurch auch die Vielfalt des amerikanischen Schulsystems geprägt ist. Schulen stellen eine große Zahl von Lehrern unterschiedlicher Muttersprachen an, einige Schulen werden als bilinguale Schulen geführt; andere erweitern das traditionelle Europa-zentrierte Curriculum um Inhalte aus Afrika, Asien oder anderen Kulturen.

Zunehmend werden jedoch überall cognitive Fähigkeiten auch von den 40 Prozent der amerikanischen Schüler verlangt, die keine Hochschulbildung anstreben. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht einer "Commission on Achieving Necessary Skills" heißt es: "Ein starker Rücken, der Wille, hart zu arbeiten und ein Highschooldiplom reichten einmal aus, um in Amerika Kariere zu machen. Diese Zeiten sind vorbei. Ein gut entwickelter Verstand, eine fortlaufende Bereitschaft zu lernen und die Fähigkeit, Wissen zu entfalten und umzusetzen, sind die neuen Schlüssel zur Zukunft unserer Jugend, zum Erfolg unserer Wirtschaft und zur ökonomischen Wohlfahrt unserer Nation."

Keine Erwähnung in dem referierten Artikel des State-Department finden die heftige Auseinandersetzung um die Privatisierung des amerikanischen Schulwesens. Nicht angesprochen wird dort auch die von der neuen Bush-Administration geplante Ausweitung der Vergabe von Schulgutscheinen, mit der die genannte Privatisierung der Schulen gefördert werden soll, und auch der Streit um die Rolle der so genannten Charter Schools in den USA wird dabei ausgelassen. Wer Interesse an diesem Thema hat und sich einen englischen Aufsatz zutraut, erschließt sich mit einem Klick auf nachfolgendes Feld interessante Einblicke in die in den USA dazu laufende Diskussion. (Charterschools)